Kultur : Der erotische Knoten

Wenn das Hirn tanzt: Wayne McGregor begeistert beim Movimentos-Festival in Wolfsburg

Sandra Luzina

Es ist schon ein toller Spagat, der den Movimentos-Festwochen mit ihrem Tanzprogramm gelingt. Die brasilianische Grupo Corpo — immer ein Garant für Stil, Sinnlichkeit und ungebremste Tanzlust – eröffnete die sechste Ausgabe des Festivals in diesem Jahr. Doch jetzt, zur Halbzeit, sorgt Movimentos für Furore. Mit Wayne McGregor hat es den neuen Star der britischen Tanzszene nach Wolfsburg geholt. Er zeigte seine Produktion „Entity“ im Kraftwerk der Autostadt, das zum Pilgerort für Tanzavantgardisten geworden ist.

Denn Wayne McGregor ist das Superbrain der britischen Tanzszene. Mit seiner Random Dance Company gelangen ihm bahnbrechende Produktionen, in denen er mit neuen Technologien experimentierte. Er war der erste Künstler, der ein Forschungsstipendium für „Choreography and Cognition“ am Department für experimentelle Psychologie der Universität Cambridge erhielt. Der 37-Jährige tauscht sich mit Neurowissenschaftlern aus, denn ihn interessiert primär die Verbindung von Gehirn und Körper. Die wissenschaftlichen Methoden wiederum beeinflussen seinen kreativen Prozess. Auch die neue Produktion ist das Resultat dieses scientistisch-künstlerischen Dialogs. Fibonacci-Zahlen, Algorithmen – all das ist in die Kreation eingeflossen. Man muss jedoch nichts von höherer Mathematik verstehen, um der Sogkraft von „Entity“ zu erliegen. Die Choreografie ist alles andere als zerebral, sie begeistert durch ihre rabiate Sinnlichkeit und eine genuin choreografische Intelligenz. Und sie befremdet, wenn man die zehn Tänzer mit frappierenden Körperformeln experimentieren sieht, die unser Verständnis von Tanz auf den Kopf stellen.

Diese Tänze sind voller verblüffender Windungen und Wendungen. Wie McGregor den Körper mit analytischem Blick zerlegt und rekonfiguriert, das ist atemberaubend. Die Bewegungen sind zugleich kreatürlich und künstlich – das erzeugt Reibung, Störung, Konflikt und Kollision. Wayne McGregor unterläuft immer wieder die gängigen Muster – manchmal glaubt man ihm beim Verfertigen eines neuen Codes zuzuschauen. Seine Choreografien mit ihren wissenschaftlich unterfütterten Methoden erfordern eine unglaubliche Virtuosität der Tänzer. Die klassisch fundierte Beinarbeit kontrastiert mit Wellenbewegungen des Torsos, hinzu kommt ein Rucken des Kopfes, ein Reißen der Schulter, ein Ausbrechen der Hüfte. Diese extrem instabilen Bewegungen werden mit enormer Verve dargeboten. Die Tänzer muten wie programmierte Androiden oder urzeitliche Greifvögel an, sie wirken mal ferngesteuert, mal instinktgesteuert. Letztlich geht es hier um die Dichotomie von Verstand und Intuition.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Duos, die geradezu bizarr sind. Es hat eine kühle Erotik, wenn die Körper sich verknoten oder auf fast schon tantrische Weise verschlingen. Doch jede Begegnung ist zugleich ein rabiater Clinch, ein permanentes Kräftemessen. Ob Mann und Frau sich vereinen oder Männer mit Männern und Frauen mit Frauen – McGregor, der Verfechter des Vielgestaltigen, ist auch ein Verfechter des polymorphen Begehrens.

Getanzt wird zu den aufwühlenden Kompositionen für Streichquartett und Solo-Cello von Nico Muhly, dazu kontrastieren die knarzenden Elektronik-Sounds von Jon Hopkins. Die Bühne besteht aus mobilen Videoleinwänden, die von riesigen Schaufeln hochkatapultiert werden. Die Videos von Ravi Deepres zeigen Algorithmen und befremdliche Körperansichten, gefilmt wurde auch in der Darwin Collection, all das bleibt rätselhaft. Mathematische Modelle werden am Ende auch auf den Bühnenboden projiziert, während die Tänzer wie Forschungsobjekte weiter ihre Codes austesten. Der Masterplan, der all die komplexen Bewegungen generiert und ordnet, er bleibt Wayne McGregors Geheimnis. Dennoch ist „Entity“ in seiner beunruhigenden Schönheit eine Offenbarung.

Weitere Highlights: Das Béjart Ballet Lausanne mit „L’Amour – la Danse“ (8., 9., 10., 11. 5., 20 Uhr). Das Göteborg Ballet mit drei choreografischen Lesarten von Ravels Boléro. (14., 15., 16., 17. 5., 20 Uhr). Marie Chouinard mit „Orpheus und Eurydice“ (22., 23., 24., 25. 5., 20 Uhr).

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