• Der erste Stein aus einer morschen Mauer Sind die Berliner Symphoniker noch zu retten? Ein Gespräch

Kultur : Der erste Stein aus einer morschen Mauer Sind die Berliner Symphoniker noch zu retten? Ein Gespräch

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Herr Moritz, den Berliner Symphonikern drohte seit der Wende bereits zweimal die Abwicklung, 1993 und 1998. Jetzt scheint es wieder so weit zu sein. Haben Sie als Orchestervorstand inzwischen Übung im Umgang mit der existenziellen Bedrohung?

Das Orchester hat es darin sicher zu einer Art traurigen Professionalität gebracht. Was nicht heißt, dass wir uns allesamt zu Zynikern entwickelt hätten oder nur mehr depressiv vor unseren Notenpulten hängen. Das können wir uns gar nicht erlauben. Das Kerngeschäft der Symphoniker bleibt die Arbeit mit Berliner Schulen: 200 Stunden pro Jahr – da müssen wir voll präsent sein. Außerdem ist Wut kein schlechter Motivator.

Wut auf wen oder was?

Wut auf die Regierung dieser Stadt. Die Herren Wowereit, Sarrazin und Flierl haben offenbar immer noch nicht begriffen, um was es geht. Wenn die Zuwendungen für die Berliner Symphoniker tatsächlich, so, wie es der Senat jetzt vorhat, gestrichen werden, dann spart das von den 3,3 Millionen Subventionen unterm Strich ganze 250 000 Euro! Sie müssen bedenken: Wenn es uns nicht mehr gibt, dann sind nicht nur Arbeitslosengelder fällig, sondern dann hat das gravierende Folgen für die Berliner Wirtschaft. 250 000 Euro für die Vernichtung eines Orchesters? Dafür, dass es in dieser Stadt so gut wie keine musikalische Basisarbeit mehr gibt? Das ist grotesk.

1998 hat das Abgeordnetenhaus die Symphoniker gerettet, und der damalige Kultursenator Radunski musste gute Miene zum bösen Spiel machen …

Das ist auch jetzt sozusagen unsere letzte Hoffnung. Alle Fraktionen im Kulturausschuss haben uns ihre Unterstützung versichert. Es geht nicht darum, dass hier jemand sein Gesicht verliert. Aber wir wollen, dass die Politik verantwortlich handelt. Die Symphoniker sind das Bauernopfer, andere Berliner Orchester werden folgen – größere, prominentere. Das ist, wie wenn Sie aus einer morschen Mauer den ersten Stein nehmen. Und Herrn Wowereits erklärtes Ziel scheint es ja zu sein, die Berliner Orchesterlandschaft auf die Hälfte ihres derzeitigen Bestandes herabzuschmelzen.

Berlin lebt schwer auf Pump. Was verstehen Sie angesichts dieser Situation unter verantwortlichem kulturpolitischen Handeln?

Das, was ich heute tue, muss auch in zehn oder zwanzig Jahren Bestand haben. Wenn ich heute in Kultur investiere, dann habe ich Aussicht auf einen unschätzbaren Mehrwert. Ethisch gesehen, moralisch, wenn Sie so wollen. Wenn ich die Menschen in dieser Stadt und in diesem Land aber ihrer kulturellen Identität beraube, indem ich Kultur abschaffe, dann öffne ich der gesellschaftlichen Barbarisierung Tür und Tor. Ähnliches ist vor 70 Jahren schon einmal passiert.

Bundeskanzler Schröder ist in der vergangenen Woche auf die Reformbremse getreten und hat unter anderem gesagt, Deutschland dürfe an der Kultur nicht weiter sparen. Macht Sie das zuversichtlich?

Nein. Lippenbekenntnisse nützen uns nichts. Wir brauchen Taten – oder wenigstens Politiker, die für das, was sie anrichten, auch geradestehen. Die sagen, jawohl, ich habe mit Kultur nichts am Hut, jawohl, für die Leerräume in den Köpfen und Herzen künftiger Generationen bin ich gerne verantwortlich. Dann wäre einiges klarer.

Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

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