Kultur : Der Erwerber

Zum Tod des Museumsmannes Dieter Honisch

Nicola Kuhn

Vor Jahren schon, mit dem Moment seiner Pensionierung vom Direktorenamt der Neuen Nationalgalerie, hat er sich aus dem Berliner Kunstgeschehen zurückgezogen. Die Nachricht vom Tod Dieter Honischs, der am späten Dienstagabend 72- jährig verstorben ist, erinnert schmerzlich an den abrupten Abschied im Sommer 1997. Nach 22 Jahren war die Ära Honisch zu Ende gegangen, ein Museumsmann der alten Schule abgetreten.

Mit Fortüne hatte diese Ära begonnen: Als Überraschungskandidat konnte sich der damalige Oberkustos des Essener Folkwang Museums gegen den schon als sicher geltenden kommissarischen Leiter der Nationalgalerie, Wieland Schmied, durchsetzen. Mit Unstimmigkeiten sollte sie enden. Denn Honisch war zwar ein brillanter Ausstellungsmacher, der den Mies-van-der-Rohe-Bau begnadet zu bespielen wusste, doch nicht unbedingt der Visionär, wie er für die Neuordnung der Sammlungen in beiden Teilen der Stadt nach der Wende nötig gewesen wäre. Mit der gemeinsamen Präsentation von Ost- und Westkunst in der ständigen Sammlung, für die er heftig angefeindet wurde, war er seiner Zeit voraus.

Umso nachhaltiger sind die großen Erwerbungen Honischs in Erinnerung, mit denen er das Sammlungsprofil der Neuen Nationalgalerie in Richtung Gegenwartskunst schärfte. Als Anwalt der Colorfield- und Hard-Edge-Malerei holte er Morris Louis, Frank Stella, Ellsworth Kelly und auch Richard Serra ans Haus. Den Höhepunkt aber bildet Barnett Newmans damals höchst umstrittenes Monumentalgemälde „Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau IV“. Das grandiose Werk stand selbstverständlich im Zentrum von Honischs Abschiedsausstellung, mit der er noch einmal die fünfzig bedeutendsten seiner rund 1500 Erwerbungen präsentierte. Honisch konnte immer wieder so glückhaft zugunsten seiner Sammlung zugreifen, da ihm der Verein der Freunde der Neuen Nationalgalerie als Geldgeber zur Seite stand, dessen Wiederbegründung er gerne als seine „wichtigste Erwerbung“ bezeichnete.

Wie ein roter Faden aber zieht sich die Liebe zur osteuropäischen Kunst durch das Leben des gebürtigen Oberschlesiers. Der Verlust der Heimat hatte den jungen Kunsthistoriker, der in Münster, Wien und Rom studiert und über den Maler Anton Raphael Mengs promoviert hatte, schon früh sensibilisiert für das künstlerische Schaffen hinter dem Eisernen Vorhang. Nach Wanderjahren bei den Kunstvereinen von Münster und Stuttgart kümmerte er sich am Essener Folkwang Museum als einer der ersten westdeutschen Kuratoren um Osteuropa. Seine andere Leidenschaft galt der rheinischen Zero-Gruppe, zu deren Protagonisten Mack und Uecker er Monografien verfasste.

Nach seinem Abschied von der Neuen Nationalgalerie und dem Umzug an den ungarischen Plattensee aber widmete er sich fortan ausschließlich der osteuropäischen Moderne, insbesondere dem Beitrag seines neuen Heimatlandes, von dem er sagte: „Ungarn fühlen sich als Europäer, bevor es Europa politisch gab. Sie haben ihre Integration nicht ökonomisch, sondern geistig vollzogen.“ Ein Europäer, ein Weltbürger der Kunst war Dieter Honisch allemal.

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