Kultur : Der Europäer

Einsamer Prophet, humanistischer Denker: zum 200. Todestag von Johann Gottfried Herder

Dieter Borchmeyer

Einst war er viel gerühmt und viel gelesen und ist nun doch aus dem allgemeinen Bildungswissen fast verschwunden. Johann Gottfried Herder, dessen Todestag sich heute zum 200. Mal jährt, gehört zu den wichtigsten Wegbereitern der bedeutendsten Epoche der deutschen Literatur. Seine Wirkung auf die Theologie, die Geschichts-, Sprach- und Kunstwissenschaft, die gewaltige Resonanz in den zu nationalem Selbstbewusstsein erwachenden osteuropäischen Ländern – sie sind heute fast vergessen.

Die Erfolgsgeschichte Herders war freilich vom Beginn seines Wirkens an von einer Unglücksgeschichte begleitet. Seine Theologie wurde von den Orthodoxen heftig befehdet, sein Lehrer Kant ging auf Distanz zu ihm, Goethe, dessen wichtigster Mentor er eine Zeitlang war, entfremdete sich zunehmend von ihm. In Weimar, wohin Goethe ihn als Generalsuperintendenten geholt hatte – gegen den energischen Widerstand der „Scheißkerle“, die „überall auf dem Fasse sitzen“, wie Goethe 1776 an ihn schrieb –, führte er mehr und mehr eine intellektuelle Schattenexistenz.

Die Romantiker wollten nicht viel von ihm wissen, und allein Jean Paul bekannte sich noch emphatisch zu ihm. Die Unglücksgeschichte Herders fand ein tragisches Nachspiel im Lebensende seines Herausgebers Bernhard Suphan, der 1911 die über 30 Bände seiner Kritischen Ausgabe, an der er mehr als drei Jahrzehnte gearbeitet hatte, übereinanderschichtete und sie, nachdem er eine Schlinge um seinen Hals gelegt hatte, unter sich wegstieß.

Nie wurde Herder im klassischen Weimar wirklich heimisch, da der geborene Antiaristokrat, skeptisch gegenüber Goethes glänzender Karriere, zu einem Kompromiss mit dem Hofe nicht fähig war. Seine letzten Lebensjahre sind von der Melancholie geistiger Isolation und tiefer Verbitterung über den Rückzug der einstigen Weggefährten, zumal Goethes, überschattet. Sein Generalangriff auf die Philosophie Kants und ihre Folgen („Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft“, 1799), seine Opposition gegen die Autonomieästhetik („Kalligone“, 1800) trugen ihm die Abneigung oder Geringschätzung der idealistischen Philosophen, Kants, Schillers und der Frühromantiker ein, der Repräsentanten der dominierenden Diskurse.

Wie sein großer Vorgänger Gian Battista Vico relativierte er die apriorisch-metaphysische Philosophie seit Descartes im Namen eines empirisch-sinnlich orientierten Denkens. Obwohl er von den Großen der klassisch-romantischen Kunstperiode wohl der Universalste war, dessen Wissenshorizont fast keine Grenze kannte, sah er sich immer mehr ins Abseits gedrängt und als Nörgler missachtet. Dabei war Herder alles andere als ein Denker, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt und sich selbst überlebt hatte. Viele seiner Schriften sind im Gegenteil so zukunftsweisend, dass ihre Zeit erst später kam und kommen wird. Ein Beispiel: In seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ hat er ein Weltbild entfaltet, das Natur und Geschichte als gesetzmäßige Einheit und Entwicklungszusammenhang umgreift. „Die Regel, die Weltsysteme erhält und jeden Kristall, jedes Würmchen, jede Schneeflocke bildet, bildete und erhält auch mein Geschlecht.“ Die geschichtlichen Perioden und Kulturen, ihr geistiges Leben, werden von den materiellen Lebensbedingungen jedes Volkes her gedeutet.

Diese Lebensbedingungen fallen bei Herder unter den Begriff des „Klimas“; dazu gehören „Höhe oder Tiefe eines Erdstrichs, die Beschaffenheit desselben und seiner Produkte, die Speisen und Getränke, die der Mensch genießt, die Lebensweise, der er folgt, die Arbeit, die er verrichtet, Kleidung“. Damit greift er voraus auf die naturalistische Theorie des späten 19. Jahrhunderts.

Herder habe, so Conrad Alberti 1890, „das Prinzip des Milieus glänzend durch die gesamte geschichtliche Entwicklung“ durchgeführt, „indem er den Einfluss der äußeren Verhältnisse jedes Landes auf die Entwicklung des besonderen Volksgeistes schlagend nachwies. Zugleich ging er noch einen Schritt weiter und wies den Einfluß der physiologischen Beschaffenheit des Menschen auf die Kulturentwicklung nach.“ Als Ziel der Geschichte postulierte Herder jene „Humanität“, als deren eigentlicher theoretischer Begründer er anzusehen ist („Briefe zu Beförderung der Humanität“, 1793-97).

In seinem Epos „Die Geheimnisse“ (1784/85) hat Goethe ein verschlüsseltes Portrait von Herder in dem Bruder „Humanus“ geboten. Dieser steht einem Orden vor, dessen Mönche jeweils eine bestimmte Religion repräsentieren, die ganz im Sinne der „Ideen“ in ihrer klimatischen und nationalen Besonderheit erscheinen soll. Der Bruder Humanus verkörpert die reine Idee der Humanität, an der die Ritter und die durch sie dargestellten Religionen auf ihre spezifische Weise teilhaben.

Dieses Nebeneinander von spezifischer und allgemeiner Humanität entspricht der Konzeption Herders: Die spezifischen Gestalten der Humanität in der Geschichte haben deren ganze Fülle nicht ausgeschöpft. Auf diese Fülle hin soll sich die Geschichte entwickeln – eine Hoffnung, die durch die beiden letzten Jahrhunderte oft grauenhaft enttäuscht wurde, die wir aber nicht aufgeben dürfen. Bruder Humanus Herder könnte dabei unser Mentor sein.

Zu Herders 200. Todestag sind im Manesse Verlag die von ihm übersetzten „Lieder der Liebe“ neu aufgelegt worden. Im Stuttgarter Reclam Verlag hat Hans D. Irmscher zuletzt eine Monografie vorgelegt.

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