Kultur : Der europäische Film - eine Preisfrage? (Kommentar)

Christiane Peitz

Stellen Sie sich vor, Gerhard Schröder hält vor 200 Prominenten aus Film, Kunst und Fernsehen eine flammende Rede und warnt vor der Verwechslung von Kulturgütern mit Handelswaren. Oder Tom Tykwer, Helmut Dietl und Wim Wenders organisieren anlässlich der europäischen Filmpreisverleihung, die heute Abend im Schillertheater über die Bühne gehen wird, ein internationales Manifest. Einen offenen Brief, der die europäischen Staaten auffordert, sich ihre Freiheit, die eigene Kultur nach Gusto zu fördern, von keiner Handelskonferenz der Welt nehmen zu lassen. Stellen Sie sich vor, Seattle beherrscht die Schlagzeilen und auch die Feuilletons kommen mit Berichten kaum nach.

Phantastische Szenarios? Nicht so in Frankreich. Dort stand die Millenniumsrunde schon im Vorfeld der WTO auf der Agenda der Kulturwelt, bei den Filmemachern, bei Kulturministerin Catherine Trautmann, ja sogar bei Jacques Chirac. Denn es geht, wie schon beim GATT- und beim MAI-Abkommen, um die Erhaltung der Schutzrechte für den Film, die Künste und ihre Autoren: um Schutz vor dem Marktgesetz des Stärkeren, nicht nur für die traditionellen, sondern auch für die neuen audiovisuellen Medien, vom Internet bis zum Cyber-Cinema. Nun fordert auch ein offener Brief des Europäischen Produzenten-Clubs zu Wachsamkeit auf und verlangt "technologische Neutralität": Film bleibt Film, ob er nun auf Zelluloid oder im Internet daherkommt.

Das Dumme ist nur: Der Brief wird erst in diesen Tagen verschickt. Ja doch, man wolle das auf der Generalversammlung am Rande der Filmpreisverleihung diskutieren, hieß es gestern aus der European Film Academy (EFA). Es regt sich was in der Branche, wenn auch leise. Wenn auch spät, der Europäische Filmpreis hätte sich bestens geeignet, schon im Vorfeld kräftig die Trommel zu schlagen. Die EFA als der renommierteste Zusammenschluss von Europas Filmschaffenden sollte nicht nur Preise vergeben, sondern Lobby-Arbeit betreiben. Die Chance, in den vergangenen Wochen ein deutlich vernehmbares Frühwarn-System anzuwerfen, hat sie versäumt.

Droht nun Gefahr oder nicht? Mit Ausnahme Frankreichs hat die Filmindustrie aus den Erfahrungen der letzten Welthandels-Runden nicht viel gelernt. In schöner Regelmäßigkeit versuchen die USA, europäische Kultur-Schutzmaßnahmen im Zuge der Freihandelsabkommen als wettbewerbsverzerrend und diskriminierend zu verdammen. Zwar stimmt Jack Valenti, der Boss des amerikanischen Produzentenverbandes, inzwischen mildere Töne an. Die kann er sich leisten. Der amerikanische Marktanteil hält sich in den europäischen Ländern stabil, zwischen 65 (Frankreich) und 90 Prozent (Deutschland). Deshalb sollte es so bleiben, dass sich Disney & Co nicht auch noch bei den europäischen Fördertöpfen bedienen können. Dagegen kann selbst der mächtige Valenti kaum argumentieren. Wenn aber, wie zuletzt in Italien, eine neue Kino-Quote diskutiert wird, protestiert Hollywoods Chef-Lobbyist in der üblich rüden Manier. Und natürlich wird auch in der Millenniums-Runde die "exception culturelle" erneut zur Debatte stehen, schon allein wegen des E-Commerce, bei dem noch überhaupt nichts geregelt ist.

Klar, Film oder Musik sind Peanuts für die Chef-Unterhändler der WTO und tauchen nur in den Fußnoten auf. Gleichwohl gehören die audiovisuellen Medien inklusive ihrer digitalen Nachfolger zu den wichtigsten Wachstums-Märkten. Es wäre nicht das erste Mal, wenn die Verhandler in den Runden nach Seattle die Belange der Medien und der Kultur in letzter Sekunde als Joker einsetzten. Das Spiel ist bekannt und konnte bisher wegen des sturen - und mitunter kulturpatriotischen - Auftretens der Franzosen zum Glück immer vereitelt werden. Wie wird es diesmal sein?

Und Deutschlands Filmszene? Schweigen im Walde. Kein Wort von den Filmemachern, auch Michael Naumann wiegelt seit Monaten ab. Als liberaler Intellektueller ist er ohnehin gegen jeglichen Protektionismus. Zwar hat Deutschland die von den Franzosen formulierte europäische Position für die Millenniums-Runde mit unterstützt. Die EU will nicht mehr die "exception", sondern die "diversité culturelle" erhalten: nicht die Ausnahme, sondern die Vielfalt verteidigen. Gleichwohl war Naumann seinen europäischen Ministerkollegen schon Mitte Oktober beim Frühstück mit Jack Valenti in den Rücken gefallen, indem er sich gegen die Einbeziehung der neuen Medien in den Begriff der audiovisuellen Dienstleistungen aussprach. Bleibt zu hoffen, dass Naumann inzwischen nicht mehr seiner Meinung ist. Und dass er, wie im Falle der Buchpreisbindung, Werbung macht für die Sache der europäischen Filmautoren.

Nun verhält sich die Angelegenheit komplizierter, als sie sich ohnehin darstellt. Noch ein Grund mehr, eine breite öffentliche Diskussion anzuzetteln. Denn erstens kommt der europäische Film nur aus der Defensive, wenn der kontinentale Markt die eigenen Grenzen durchlässiger macht und endlich eine gemeinsame Nutzung der nationalen Subventionen ins Auge gefasst wird. Zweitens häufen sich die europäisch-amerikanischen Joint-Ventures: Robert Redford produziert mit EUREKA, einem neuen Produktionshaus von Kirch und Berlusconi; "Canal+" arbeitet mit einer Universal-Tochter zusammen, und Lars von Trier produziert seinen Musical-Film "Dancer in the Dark" unter anderem mit amerikanischem Geld. Auch die ästhetische Vielfalt steht in Frage: Gerade die Franzosen drehen immer mehr Filme im Hollywood-Format, man denke nur an die jüngsten Werke von Luc Besson.

Außerdem: Es gibt sie ja noch, die kleinen Filme, die heute Abend hoffentlich unter den Preisträgern sind: aus Schweden oder Dänemark, Spanien oder Belgien. Filme wie "Raus aus Amal" oder "Mifune", die angesichts der dramatischen Konzentrationsbewegungen in der Verleiherszene und in der Kinolandschaft Schutzzonen brauchen. Filme, die von besonderen Menschen an ganz besonderen Orten erzählen. Filme, die den Kulturpolitikern und der EFA verraten, wie man die Gemüter bewegt. Indem man einen alten Slogan beherzigt: "Act local, think global".

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