Kultur : Der ewige Clan

Sozialismus? Kapitalismus? Jiri Kratochvils Roman „Der traurige Gott“ schwört auf Familienbande

Jörg Plath

Die Systeme kommen und gehen, die Jordans aber bleiben. Die Familie bringt ihre Schäfchen mit legalen, halb legalen und illegalen Mitteln ins Trockene, unter dem real existierenden Sozialismus der Tschechoslowakei ebenso wie im tschechischen Kapitalismus. Und weil die Jordans praktischerweise überall sind, im Staat ebenso wie in den Unternehmen, ist in jeder Situation, auch der heikelsten, eine zu Vorteilsnahme oder Vertuschung bereite Verwandtenhand zur Stelle. Über die nötige Disziplin wacht eine Tante, die sich ungeachtet ihrer Patenrolle eines Diminutivs erfreut, den die Sprache des Landes so liebt: Sie ist das „Seelchen“.

Jiri Kratochvil erzählt in seinem Roman „Der traurige Gott“ von einem schwarzen Schaf der mafiösen Familie: von Aleš, der mit den Machenschaften seines Clans nichts zu tun haben will. Er hasst das Seelchen, doch wagt er niemals, ihr zu widersprechen, auch nicht, als die Sterbende ausgerechnet ihn zu ihrem Nachfolger ernennt. Erst als der Auserkorene allein die Totenwache übernommen hat, öffnet er den Sargdeckel und entleert den Inhalt seines Darms auf das wehrlose Tantchen. Die Jordans küren daraufhin einen würdigeren Nachfolger aus ihrer Mitte, und Aleš zieht sich mit Cousine und Ehefrau Lucie aus Brünn in die Provinz und eine randständige Existenz als Bibliothekar zurück. Dann wird das neue Familienoberhaupt, das den Drogenhandel selbst für den belastbaren Geschmack der Jordans ein wenig übertrieben hat, verhaftet. Der Clan sucht ein neues Oberhaupt, und Aleš muss plötzlich feststellen, dass Ehefrau Lucie die Seiten wechselt ...

„Der traurige Gott“ ist eine Farce mit deftigen Szenen, wie sie schon frühere Bücher des 1940 in Brünn geborenen Jiri Kratochvil auszeichnen. In seinem Schelmenroman „Unsterbliche Geschichte“ (deutsch 2000) etwa inszeniert er einen eifrigen Grenzverkehr zwischen Menschen und Tieren, Diesseits und Jenseits, über ein ganzes Jahrhundert hinweg. „Der traurige Gott“ läuft auf eine ähnliche Überbietung des Realismus hinaus: Aleš entzieht sich der Familie, indem er zu einem traurigen Gott pilgert, der über den Wolken in einem Bauwagen wohnt.

Diesen kleinen, nichtsdestotrotz auf das große Ganze zielenden Roman eine „hintersinnige Parabel über den Totalitarismus im 20. Jahrhundert“ zu nennen, wie es der Klappentext tut, ist ein recht weitreichendes Interpretationsangebot: Immerhin schlägt es den Kapitalismus nach 1989 umstandslos den diktatorischen Herrschaftsformen zu. Vielmehr schildert Kratochvil die Unmöglichkeit individuellen Daseins in der neuen Zeit: Der Kapitalismus vernichtet die Residuen der Provinz und der sozialen Peripherie, die der Sozialismus kannte, weshalb Aleš nur die Flucht zu einem provisorischen, beinahe obdachlosen Gott bleibt. Der wohl berühmteste Autor Tschechiens erzählt auf amüsante Weise von der Erfindung der Metaphysik aus dem Geist der Bedrängnis.

Das Buch ist auch ein Abgesang auf den Dissidenten, der Jiri Kratochvil selbst war: Er hatte Publikationsverbot, schlug sich als Heizer, Kranführer und Bibliothekar durch und konnte seinen sinistren Roman „Inmitten der Nacht. Gesang“ über die gespaltene Identität seiner Landsleute im Sozialismus erst nach 1989 veröffentlichen.

Vor allem aber ist „Der traurige Gott“ ein mit leichter Hand hingeworfener Ausdruck der Katerstimmung, die weite Teile der Bevölkerung in Mittel- und Osteuropa 15 Jahre nach der Wende erfasst hat: Manch einer kann keinen großen Unterschied zwischen Damals und Heute erkennen. Jiri Kratochvil ist nicht der Einzige, der die sich den Kontinuitäten über 1989 hinaus widmet. Gerade erst ist auf Deutsch der Roman „Die Ruhe“ des Ungarn Attila Bartis erschienen, der sich wie sein tschechischer Kollege über jene Institution beugt, die alle politischen Wechsel mühelos übersteht: die Familie. Die Verstrickungen des Jordan-Clans mit den Herrschenden erwähnt Kratochvil nur summarisch. Er sucht neue Asyle.

Jiri Kratochvil: Der traurige Gott. Roman. Aus dem Tschechischen von Kathrin Liedtke und Milka Vagadayová. Ammann Verlag. Zürich 2005. 188 S., 18,90 €.

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