Kultur : Der ewige Eisberg

Im Kino: „Die kalte See“ von Baltasar Kormákur

Hans-Jörg Rother

„Familien, ich hasse euch“, hat André Gide einmal gesagt. Ob der 1966 geborene Baltasar Kormákur Gide gelesen hat, ist nicht bekannt. Dass er jedoch bürgerliche Familien von Herzen hasst, steht nach seiner filmischen Attacke „Die kalte See“ außer Frage. Der Titel ist irreführend: Ob die See kalt an Islands Gestade schwappt, bleibt für die Geschichte unerheblich. Kalt sind die Menschen, bis Hass und Zorn in ihnen auflodern.

Haraldur, dessen Schwester Ragnheidur und Agúst, der jüngste Sohn, haben Grund, dem Vater die kalte Schulter zu zeigen. Denn dessen Vaterliebe hat sich stets hinter der Forderung nach Gehorsam versteckt. Die Fabrik in dem Fischerdorf war sein Lebensinhalt, und ihretwegen hat er die drei mit ihren Lebensgefährten zu sich gerufen. Das Erbe hätten sie längst aufgezehrt, wirft er ihnen an den Kopf, doch Agúst, den er in Paris Ökonomie studieren ließ, soll den Fischverarbeitungsbetrieb künftig führen.

Wer sein Haus schlecht bestellt hat, kann es auch nicht vererben. Der Film reiht die Szenen, die den moralischen Verfall ausmalen, dicht aneinander. Das festliche Abendessen geht in eine turbulente Aussprache über, bei der sich der Lieblingssohn zum Ankläger gegen den Vater aufwirft. Hat nicht der Vater, noch als die Mutter auf dem Sterbebett lag, mit deren Schwester das Bett geteilt und Maria gezeugt, die heute den Männern im Ort den Kopf verdreht? Ein Krückstock wird erhoben, ein Schlaganfall folgt, und nachts geht die Fabrik in Flammen auf.

Die Shakespeare-Motive fliegen dem Zuschauer nur so um die Ohren. Aus Lear wurde ein Familiendiktator, aus Hamlet ein Muttersöhnchen und aus dem Königreich eine Fischfabrik, über deren Trümmer der Konkurrent hohnlachend hinwegsteigt. Die Frauen toben sich, meist alkoholisiert, auf Kosten der Männer aus, wohl aus Wut, auf der kalten Insel leben zu müssen. Das Paradestück dafür gibt Gudrún S. Gisladóttir, deren markantes Gesicht aus Andrej Tarkowskis letztem Film „Das Opfer“ gut in Erinnerung ist. Hier spielt sie die den Vater verhöhnende Tochter, die bei erstbester Gelegenheit das Tafelsilber abräumt.

Entfernt könnte „Die kalte See“ an große Familiendramen im Stile Viscontis erinnern. Aber der Stoff und vor allem die Darstellungsweise drücken das Niveau. Die den Vorspann zerschnippelnden Schnitte verheißen Aufregung. Genauso kommt es. An Distanz ist dem Regisseur wenig gelegen. Holzschnittartige Figuren ersetzen die angekündigten „Charakterstudien“. Ein Schock aus Kalkül, und schon wird dem Zuschauer selber ganz kalt ums Herz.

In Berlin im Moviemento, Kulturbrauerei und Kant (alle OmU)

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