Kultur : Der ewige Provo

Gregor Gysis erste Talkshow – mit Zadek im Deutschen Theater

Sandra Luzina

Damit hatte Gregor Gysi nicht gerechnet: Eine gute Stunde hatte Peter Zadek bereitwillig über seine Lehr- und Meisterjahre gesprochen, da sprang er plötzlich auf: „Ich muss mal pinkeln“ – sprach’s und war schon verschwunden. Peinlich für den neuen Talkmaster Gregor Gysi? Nicht doch. Einer wie er räsonniert einfach solo weiter, über die Weltlage, den Sicherheitsrat zum Beispiel und die Politik als solche. „Politik ist unehrlich“, gesteht der Profi, „aber leider mit Folgen.“

Peter Zadek, erster Gast der Reihe „Gregor Gysi trifft Zeitgenossen“ im Deutschen Theater, hatte gleich zwei Anlässe für seinen Auftritt. Demnächst beginnt er mit den Proben zu Brechts „Mutter Courage“, und soeben ist sein Buch „Menschen Löwen Adler Rebhühner“ erschienen – eine „kleine Schule der Theaterregie“. Und Löwe Zadek glänzt bei dieser Matinee durch Understatement und lakonischen Witz.

Schon die Biografie des in Berlin geborenen Regisseurs bietet Stoff für Bewegung und Spannung. 1933 emigrierte die Familie nach England. Eine „Tendenz zur Flucht“ bestimme sein Leben, glaubt Zadek, und behauptet gleichwohl: „Ich bin lieber Täter als Opfer“. Über sein schwieriges Verhältnis zu den Deutschen spricht er ganz ohne Zorn. 1958 kehrte er zurück, und als erstes fiel ihm auf: „Die Leute haben sich angeschrien.“ Heute hält er das für den „normalen Umgangston“ hierzulande.

Seine erste Inszenierung in Deutschland wurde zum Skandal, und seinem Ruf als Provokateur blieb er treu. Aufruhr statt Applaus, randalierende Studenten, buhende Chöre – allen Spielarten der Empörung hat er sich schon entgegengestemmt, wenn er sich endlich auf der Bühne zeigte und zur berühmten imperialen Zadek-Armgeste ausholte. Amüsiert lässt er die er die chronique scandaleuse Revue passieren – schließlich sei es auch eine Kunst, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Immer und überall habe er sich als Outsider empfunden.

Doch Zadek schätzt den Streit auch und die unbequemen Zeitgenossen. Die Rivalität mit Heiner Müller am Berliner Ensemble sei „scharf und boshaft“ gewesen, und mit Fassbinder habe es in Bochum eh nur Ärger gegeben – und doch, die Zusammenarbeit mit beiden empfand er als produktiv. Zur Freude des Publikums rivalisieren Zadek und Gysi dann um die witzigste Müller-Anekdote. Und auch Gysi zeigt, dass er sich auf wohldosierte Frechheiten versteht. Er konfrontiert Zadek mit dessen eigenem Diktum: „Macht muss man haben, aber auch ausüben können“. Und ergänzt: „Das erinnert mich an Helmut Kohl.“

Und dann lässt sich Zadek noch ein Statement gegen den drohenden Irak-Krieg entlocken. „Wir sind in der Hand von Kriminellen.“ Zadek-Klartext.

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