Kultur : Der ewige Reiter

Skulpturen von Marino Marini in Berlin

Michael Zajonz

Der Reiter stürzt ins Bodenlose. Mit „Miracolo – L’idea di un’immagine“ von 1969/70 hat der italienische Bildhauer Marino Marini seine jahrzehntelange Beschäftigung mit Reiter und Pferd zu einem Gleichnis der scheiternden Moderne verdichtet. Drei Bronzegüsse der 4,50 Meter hohen, bis an die Grenze zur Abstraktion getriebenen Skulptur gibt es: In Jerusalem erinnert sie an den Holocaust; in Tokio an die Opfer von Hiroshima; in Berlin, wo sie dank des Münchner Stifterpaars Irene und Rolf Becker im November 2003 auf der Spreeterrasse des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses aufgestellt werden konnte, an die Toten des Zweiten Weltkriegs.

Der 1980 gestorbene Marini selbst wollte sein Hauptwerk in Berlin wissen. So lag es nahe, im direkt unter der Skulpturenterrasse beheimateten Kunst-Raum im Deutschen Bundestag eine Auswahl seiner Reiter zusammenzustellen. Der Bildhauerstar der Fifties wurde wahrscheinlich seit Jahrzehnten in Berlin nicht mehr mit einer Einzelausstellung gewürdigt. Im Zentrum steht die 1962 entstandene Bronze „Il grido“, der Schrei, aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie. Mit ihr verkehrt Marini das majestätische Motiv von Reiter und Pferd endgültig ins Tragische. Dass der Künstler nicht nur Vierbeiner im Sinn hatte, dokumentieren im Atelier entstandene Fotos von Herbert List und Helmut Lederer. In Porträts und Aktfiguren offenbart Marini sein Festhalten am humanistischen Menschenbild.

Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Platz der Republik 1, bis 7. Januar, Katalog 5 €

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