Kultur : Der ewige Wandel

Eine Ausstellung zur Stadt in Osteuropa in der ifa-Galerie Berlin

Bernhard Schulz

Der lange hinter dem Eisernen Vorhang verschlossene Osten Europas wandelt sich. So jedenfalls konnte man in den neunziger Jahren Vorträge beginnen. Heute, wo bereits das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts seinem Ende zugeht, fangen Betrachtungen über Mittelost- und Osteuropa immer noch so an. Offenbar ist der Wandel ein beständiger Begleiter. Oder schleicht sich in die Betrachtung der Umwandlung sozialistischer Hinterlassenschaften so etwas wie Nostalgie ein, die nichts anderes sehen will als den schäbigen Rest der Gesellschaftsutopien von einst auf der einen Seite und die dadurch sich der Fantasie öffnenden Freiräume auf der anderen?

Der Eindruck stellt sich ein bei der neuen Ausstellung der ifa-Galerie, die unter dem Titel „Schöne neue Welt – Zur Umgestaltung von Städten in Mittel- und Osteuropa“ die Reihe „Stadtansichten“ beschließt. Da wird, scheint’s, Kehraus gemacht: künstlerische, vom Institut für Auslandsbeziehungen bezuschusste Vorhaben, die noch im Gange waren, finden zusammen, doch ohne zwingenden Zusammenhang. Das sieht ansehnlich aus; tatsächlich sind Ausstellung und Katalog eindrucksvoll gestaltet. Und jedes Projekt für sich weckt Interesse. Doch eine gemeinsame These kommt nicht zum Vorschein, nicht einmal ein einheitlicher Befund.

Was hat die Prager Straße in Dresden, in der die Kaufhäuser des Kapitalismus längst die Prestigebauten des Realsozialismus verdrängt haben, mit den trostlosen „Blauen Städten“ Sibiriens zu tun, die ihre schrumpfende Einwohnerschaft eher schlecht als recht versorgen? Was das lebenssprühende Riga, wo nun gleichfalls, wie allerorten, ein leergeräumtes Kraftwerk seiner Umrüstung zum Kulturzentrum harrt, mit der poetischen Plattenbau-Kunst des an der deutsch-polnischen Grenze aufgewachsenen Jan Brokof? Und was zeigen die Fotos von Vytautas Michelkevicius anderes, als sozialistische Bauten von Vilnius abwechselnd bei Sonnenschein und bedecktem Himmel? Dass das Wetter über unsere Wahrnehmung mitentscheidet?

Der gemeinsame Nenner aller Arbeiten bleibt das aus dem Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse erwachsene Staunen über die fremd gewordene Vergangenheit des holprigen Sozialismus. Aber die große Aufgabe, die in den in der Ausstellung gezeigten Fotografien immer noch vor uns zu liegen scheint, nämlich das ideologisch entleerte Erbe des Sozialismus in eine neue Zeit zu überführen, diese Aufgabe hat die Ökonomie längst angepackt, mancherorts wie in Riga auch schon in bemerkenswertem Umfang gelöst. Dass die Retortenstädte des sibirischen Ostens nicht eben zu den Gewinnern der – im Wortsinne – Perestrojka zählen würden, war zu erwarten. Riga hingegen schon. Dessen „Museum für zeitgenössische Kunst“ wird sich hinter der verwandten Tate Modern von London nicht verstecken müssen. Zumindest die Zeichenprogramme der Architekten haben Weltniveau.

Die Ausstellungsfotos von Riga zeigen Vernachlässigung, Verfall und Abriss, aber wer die pulsierende Stadt kennt, weiß, dass ihr der Wiederaufbau kriegszerstörter und zu Sowjetzeiten abgeräumter Bürgerhäuser der Hanse-Zeit wichtiger ist.

Es ist sinnlos geworden, „den“ Osten über einen Leisten scheren zu wollen. Es ist vor allem auch geschichtsblind. Die Eigenart der lange zum „Ostblock“ zwangsverschweißten Länder tritt längst hervor. Eine zufällige Auswahl wie in der ifa-Galerie, in der Polen fehlt, Tschechien, die Slowakei, dafür aber der Ferne Osten Sibiriens einbezogen ist, kann 17 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht mehr als zeitgemäß durchgehen. Da ist der Wandel der Wirklichkeit wohl schneller vonstatten gegangen, als die wohlgeplanten Projektgelder aufgebraucht werden konnten.

ifa-Galerie, Linienstraße 139/140, bis 4. Mai. Katalog 10 €.

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