Kultur : Der ewige Zweite

Schöner scheitern: Rodney Grahams Leuchtkästen in der Johnen Galerie.

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Sonntägliches Stillleben. Selbstporträt des Künstlers mit einer Ausgabe der „Sunday Sun“ aus dem Jahr 1937. Foto: Rodney Graham
Sonntägliches Stillleben. Selbstporträt des Künstlers mit einer Ausgabe der „Sunday Sun“ aus dem Jahr 1937. Foto: Rodney Graham

Er ist ein Übriggebliebener. Wenn der kanadische Verwandlungskünstler Rodney Graham in eine Rolle schlüpft, nimmt er die Zeitmaschine und katapultiert sich aus dem Hier und Jetzt ins Weitweg und Früher. In der Johnen Galerie inszeniert sich der „Canadian Humourist“, der auch im Hamburger Bahnhof durch die Flick Collection stark vertreten ist, in fünf verschiedenen Identitäten. Für den Besucher ist die Galerie momentan leicht zu finden, denn der Brite Martin Creed hat das Tor mit Blattgold illuminiert.

Das glänzende Entree passt zu Rodney Grahams blitzgescheiter Kunst. Für die großformatigen Leuchtkästen versenkt sich der 63-Jährige selbstironisch in ein anderes Leben oder in die Auszeit. In der Serie „Smoke Break“ sitzt der Künstler als Sous-Chef in Clogs und Kochmütze unter einer prächtig gefleckten Birke und genießt seine Zigarettenpause. Der Sous-Chef bleibt der ewige Zweite. Als Meister der Leuchtkästen gilt Jeff Wall.

„Betula Pendula Fastigiata“ – der botanische Name für die Säulenbirke – erinnert an Grahams Anfänge, als er noch mit der Camera obscura allein stehende Bäume fotografierte. Dahinter steckt ein durchaus biografischer Bezug. Grahams Vater arbeitete in der Forstwirtschaft von British Columbia. Im Holzfällerlager ersetzte er mal den Koch, mal den Filmvorführer. Der Blick aus dem Hinterwald auf die Zivilisation lebt in Grahams Werk bis heute weiter.

In dem Porträt „Canadian Humourist“, dem die Ausstellung ihren Titel verdankt, tritt der Künstler als grauhaariger Herr in Lammfellpuschen auf. Der Kotelettenträger hat sichtbar seinen Zenit überschritten. Aber der gehäkelte Teewärmer, das penibel gestickte Kissen lassen befürchten, dass seiner Karriere nie ein Höhepunkt beschieden war. Das Porträt ist eine Anspielung auf den bekannten kanadischen Autor und TV-Journalisten Pierre Berton, der als skurrile Figur einer vergangenen Ära des Mediums Fernsehen entstammt. Wie bei Samuel Beckett warten Grahams Figuren stets auf das große Glück, das am Ende doch nie eintritt. Der Künstler verkörpert mit Vorliebe halbe Helden, die ihre Erfüllung verpasst haben.

In seinen Büchern zelebriert der Kanadier wiederum die Verlangsamung des Fortschritts bis hin zum Rückwärtsgang. Auf den Spuren von Edgar Allan Poe stellt er makellose Editionen her. Sein belgischer Verleger Yves Gevaert hat schon mit Marcel Broodthaers zusammengearbeitet, mit dem Graham die weit schweifende Wahrnehmung teilt, die Liebe zu Lichtkunst und zur Literatur. Während seines Studiums spielte er außerdem mit dem drei Jahre älteren Jeff Wall und seinem Lehrer Ian Wallace in einer Band. Bis heute schreibt Graham Songs und experimentiert mit Musik; so gab seine „School of Velocity“ in den Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs lange den Ton an, in denen Czernys Klavieretüden kunstvoll gedehnt werden.

Das abgebildete Schicksal auf dem Foto „Old Punk on Pay Phone“ hätte auch den seit den siebziger Jahren in Vancouver lebenden Künstler selbst ereilen können. Zu sehen ist er als abgehalfterter Musiker mit aufgetackerter Lederjacke, der an einem der letzten Münztelefone seiner Heimatstadt Vancouver lehnt. Zwei Fossile begegnen sich. Da beweist sich Rodney Graham wieder als lakonischer Nostalgiker, als Perfektionist des Scheiterns, der es in dieser Kunst jedoch zur Meisterschaft bringt.

Galerie Johnen, Marienstraße 10, bis 27. Oktober; Di–Sa 11–18 Uhr.

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