Kultur : Der Fachkollege (Kommentar)

Bernhard Schulz

Still ruhte der See. Nicht der Hauch eines Gerüchts kräuselte das Wasser. Und plötzlich, nach einem halben Jahr des scheinbaren Dahindämmerns, ist das Deutsche Historische Museum in die Nachrichten zurückgekehrt: Es hat einen neuen Direktor zu vermelden. Hans Ottomeyer, Nachfolger des umtriebigen, ins Rampenlicht der Politik gewechselten Christoph Stölzl, war bislang nicht als Kandidat gehandelt worden; insofern war Michael Naumanns demonstrativ bekundete Befriedigung über die im Verborgenen bewerkstelligte Personalie verständlich. Ob es allerdings der Königsweg ist, ein so herausragendes Amt ohne Diskussion der interessierten Öffentlichkeit zu vergeben, sei dahin gestellt.

Der neue Direktor wird zeigen müssen, warum die zuständigen Gremien gerade ihn ausgesucht haben. Der erste Eindruck hat, gelinde gesagt, nicht überwältigt. Vorgänger Stölzls Wortkaskaden wird man vielleicht nicht nachtrauern müssen, wenn stattdessen die Inhalte, die Sammlungspolitik und die Wechselausstellungen des Hauses, Anlass zur Begeisterung bieten. Aber man wird den Gedankenspielen des Vorgängers nachtrauern, wenn der Nachfolger sich im Arbeitsalltag als ebenso statuarisch zeigen sollte wie bei seiner gestrigen Vorstellung. Sollte der von Fachhistorikern, zumal solchen aus der Ordinarienuniversität dominierte Aufsichtsrat die Ära Stölzl nur als die Kür eines Exoten verstanden haben, der endlich die Pflicht des gestandenen Fachkollegen zu folgen habe? Soll das manchmal unter, meist aber über der Messlatte des Vorhersehbaren turnende DHM in jene biedermeierliche Gediegenheit eingereiht werden, aus der hierzulande noch immer der Dienstanzug der Historikerzunft geschneidert ist? Zur Aufgabe eines Geschichtsmuseums im Zentrum Berlins, am Herzschlag der Berliner Republik hat sich Ottomeyer gestern auch nicht eine Silbe entrungen. Wollen wir hoffen, dass ihm ein paar Sätze einfallen, wenn er im Frühherbst seinen Einstand gibt. Das DHM ist kein gewöhnliches Geschichtsmuseum. Es ist das Haus, in dem Herkunft und Geschichte derjenigen Fragen beleuchtet werden sollen, die die Nation bewegen. Und das Bewegen der Öffentlichkeit sei der Antrieb der Museumsarbeit. Der gute Eindruck vor den Häuptern der Mandarine rangiert erst danach.

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