Kultur : Der Fährmann

Zum Tod des Übersetzers Henryk Bereska

Heinrich Olschowsky

Ein Blitz aus heiterem Septemberhimmel: Henryk Bereska ist tot – mit 79 Jahren. Kennen lernten wir uns Anfang der Siebzigerjahre. Bereska, längst eine Autorität als Übersetzer alter und neuester polnischer Prosa, auch als Dichter und Aphoristiker ein Name, und ich ein Universitäts-Assistent, der über Tadeusz Rozewicz promoviert hatte, saßen an der Vorbereitung der Anthologie „Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten“. Es sollte der erste repräsentative Überblick in der DDR werden. Einmal in der Woche machte ich mich in Bereskas Wohnung in der Scharnhorststraße auf, in der Tasche durchgearbeitete Gedichtbände und Vorschläge zur Auswahl. In Henryks Arbeitszimmer ging es gemütlich zu und streng. Wir redeten über Gedichte und unser generationsverschobenes Leben, über poetische Qualität und, wie die Zensur zu überlisten sei. So ging es über Monate, und wir kamen uns näher.

Henryk, der aus Katowice-Szopienice stammte, war gesellig, auf oberschlesische Art warmherzig, neugierig auf fremde Schicksale, ein Causeur mit erotisierendem Timbre, das selbst am Telefon manchem (und mancher) Gänsehaut bereitete. Geistreich, tolerant, leicht ironisch als Gesprächspartner war er auch den Gästen seiner Stammkneipe ein zuverlässiger Kumpan – wovon auch heiter-skurrile Gedichte zeugen. Als das Ende der Arbeit abzusehen war, sind auch wir zu einer Kneipentour aufgebrochen, die im Keller des Roten Rathauses endete. Für mich – Henryk zog zur vereinbarten Schachpartie in seine Stammkneipe weiter.

Auch kulturpolitisch waren wir eines Sinnes. Beide parteilose Außenseiter, waren wir entschlossen, das Fremdartige der polnischen Literatur den deutschen Lesern zugänglich zu machen und dabei mit der subversiven Kraft der „unfrisierten Gedanken“ den ideologischen Starrsinn der DDR zu unterlaufen. Nach der Wende schien es, als würde man seine enorme Leistung vergessen. Er hatte Jerzy Andrzejewski, Kazimierz Brandys, Tadeusz Rozewicz, Stanislaw Witkiewicz, Czeslaw Milosz und Adam Zagajewiski übersetzt und nachgedichtet. Es kam anders. Henryk Bereskas Kreativität war ungebrochen. Davon zeugen seine Übersetzungen aus den Neunzigerjahren – und den Preis des polnischen PEN (1994) sowie den Schlesien-Preis des Landes Niedersachsen bekam einer, der es verdient hat.

Der Autor ist Professor emeritus für Polonistik der Humboldt-Universität.

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