Kultur : Der Faktor X

Wenn Hamlet an der Haustür klingelt und das Theater ins Wohnzimmer zieht: ein etwas anderer Rückblick auf die Berliner Saison

Rüdiger Schaper

Der Faktor X steht für Geheimnis. X ist eine Drohung, ein Versprechen. Oder beides. X bedeutet: das Unbekannte.

Die zu Ende gehende Berliner Theaterspielzeit hat sich beharrlich am Bekannten orientiert. Man sah Fortsetzungen, fast überall. Die Schaubühne mit ihren „System“-Stücken von Falk Richter zur Globalisierung und Thomas Ostermeiers lascher „Lulu“ (gedacht als Nachfolgerin der gefeierten „Nora“), das Berliner Ensemble mit seinen Ibsen-Altmeistern Peter Zadek („Peer Gynt“) und Thomas Langhoff („Die Wildente“): über dem jüngsten und dem ältesten Haus am Platz liegt ein gewisser Grauschleier. Selbst an der Volksbühne, wo nach wie vor die stärkste Mannschaft spielt: Frank Castorf wie auch René Pollesch (im Prater) graben sich in ihren Stellungen ein.

Auffälliges Pech in Serie hatte das Deutsche Theater mit seinen Regisseuren. Eine mysteriöse Folge von Schwächeanfällen: Michael Thalheimer, Stephan Kimmig, Armin Petras, Nicolas Stemann arbeiten anderswo erfolgreicher und besser. Und als typisch für die Berliner Situation kann das Maxim Gorki Theater gelten: Auch hier gestalten sich die Besucherzahlen erfreulicher als das Angebot.

Volle Häuser trotz oder wegen der unübersehbaren künstlerischen Stagnation: Das ist die eine gute Nachricht der Saison 2003/04. Die andere gute Nachricht, und da kommt der Faktor X ins Spiel, stammt vom Hebbel am Ufer. Vergangenen Spätherbst eröffnet, hat sich das von Matthias Lilienthal geleitete Drei-Bühnenkombinat HAU 1–3 zur neuen Sonne über der Berliner (und deutschen) Theaterlandschaft aufgeschwungen. Lilienthal verbindet in Berlin seine Volksbühnen-Weisheit mit den Erfahrungen, die er 2002 als Festivalleiter beim „Theater der Welt“ an Rhein und Ruhr gemacht hat.

Die HAU-Bühnen definieren das Stadttheater neu: unübersichtlich-hauptstädtisch, lokal gemacht, global gedacht; die ideale Schnittmenge zweier so unterschiedlicher Institutionen wie den Sofiensälen und den Berliner Festspielen. Sie zeigten, zum Beispiel, einen Tschechow von Luk Perceval und einen Shakespeare von Johan Simons, wunderbar intelligente Laborversuche mit Klassikern. Sie hatten die Choreografin Constanza Macras, den Polen Krzysztof Warlikowski und etliche andere aus dem internationalen Festivalzirkus in ihrem berstenden Programm aus Eigenproduktionen und Koproduktionen. Sie haben mit „Deadline“ vom Rimini-Protokoll den Sprung zum Berliner Theatertreffen geschafft: ein cleveres Konzept-Stück mit Laien über den Tod und die Sterbeindustrie.

Doch das Projekt, das HAU-Leiter Matthias Lilienthals Idee von Wahrheit, Wirklichkeit und Öffentlichkeit am nächsten kam, waren „X Wohnungen“, Expeditionen in das Menschentierreich der Nachbarschaft. Das Geheimnis, der Witz des Spiels, die Exotik liegt hier nicht in irgendeiner Festival-Fremde, auf fernen Kontinenten – das Unbekannte verbirgt sich in Kreuzberg oder Lichtenberg.

Zufall oder nicht: noch ein Projekt mit X. Auch der Schauspieler Herbert Fritsch von der Volksbühne macht mit seinem „Hamlet X“ eine neue Theaterrechnung auf. „Hamlet X“, das sind drei DVDs mit rund dreißig freihändigen Hamlet-Fantasien an Berliner Schauplätzen (im Buchhandel erhältlich, www.hamletx.de). „X Wohnungen“ und „Hamlet X“ holen das Theater ins Wohnzimmer, eröffnen Zimmerschlachten. Mit dem Unterschied, dass man im einen Fall bei fremden Leuten an der Haustür klingelt und im andern Fall zuhause sitzt, am Computer.

Seltsam, wie sich das Theater durch die radikale Reduzierung des Raums und der Menge Mensch multipliziert. Und dass es Theater bleibt – wenn man auf dem Computerschirm einen „Hamlet X“ anklickt, oder auf dem Sofa eines privaten Gastgebers für „X Wohnungen“ Platz nimmt. Noch seltsamer mutet die Aussicht an, dass sich das Theater dort erneuert, wo es seinen angestammten Platz räumt. Innovation durch Resignation?

Drei Strecken bot das HAU für die ethnografische Erkundung an: eine Kreuzberg- und zwei Lichtenberg-Touren. Gut drei Stunden war man unterwegs durch die eigene Stadt, immer zu zweit pro Gruppe. Erste Station: in der Wohnung des Filmemachers Harun Farocki. Die „X Wohnungen“-Besucher spielen in Farockis Regie eine Zweiminutenszene, zum Beispiel aus Strindbergs „Totentanz“. Es hat etwas von Partyspiel und Schnitzeljagd. Dann wird es, dritte Station, in der Wohnung einer alten Dame rührend: Sie erzählt ihre Geschichte: von einem Lottogewinn damals in der DDR in den Siebzigern, rund 22000 Mark. Echtes Leben, wie im Fernsehen. Nein: Das, was man sonst im Fernsehen erlebt, wird zurückgedreht auf eine persönliche Begegnung.

Es wird ernst bei Station vier, Frankfurter Allee, Plattenbau, zehnter Stock. Der Filmpreis- und Berlinale-Gewinner Fatih Akin („Gegen die Wand“) lässt in einer horrend leeren Wohnung die Suada eines Hasspredigers (Text: Feridun Zaimoglu) auf die Besucher niederprasseln. Eine böse, komische Rede einer Schauspielerin in Männerkleidern über die westliche Lebensphilosophie („Feiern, Ficken, Freisein“). Am Ende der zehnminütigen Performance setzt sich einer der Terroristen (?) an ein Laptop. So einfach ist das. Man kommt in eine Wohnung, die konspirativ wirkt, und schon glaubt man sich inmitten einer islamistischen Verschwörung. Und weiter geht die Wanderung durch die Stadtwüste, zu den X-Oasen. Der Rand ist das Zentrum.

Ähnlich bei „Hamlet X“. Bei allen drei DVDs beschleicht einen ein Gefühl von Irrsinn und Gewalt, von einem gesellschaftlichen Wahn, den das Theater mit seinen traditionellen Mitteln kaum mehr zu bannen vermag. Die Reduktion wirkt wie ein ein Zoom. Christoph Schlingensief als Frauenarzt, der über einen „Abstrich“ bei Ophelia redet, wirkt gar nicht nur lustig. Martin Wuttke und Margarita Broich beim Aufprobieren von Königskronen: das ist Shakespeare in seiner Essenz, schlackenlos. Ulrich Mühe mit Schäferhund, über einen Kirchenboden kriechend, von Selbstzweifeln zerfressen: ein grandioses Sinnbild des Dänenprinzen. Wann stand Mühe das letzte Mal auf einer „richtigen“ Bühne?

Herbert Fritsch lässt Hamlet-Geschichten vom „Hörensagen“ erzählen, kaleidoskopisch; das Unbekannte im Bekannten suchend, in der Garderobe, im Theaterkeller, in der Küche, auf der Straße, auf einem Spreedampfer, im Bad, in Wohnungen mit unglaublich hässlichen Tapeten. Die Reihe der Schauspieler, die er vor die Kamera bekommen hat, gleicht einem wahrhaften Berliner Ensemble, das so nie auf Bühnenbrettern zu sehen sein wird, allein im virtuellen Raum: Corinna Harfouch, Meret Becker, Susanne Lothar, Kathrin Angerer, Hannelore Hoger, Anna Thalbach, Jürgen Hentsch, Milan Peschel, Hermann Lause, Peter Fitz, Thomas Thieme und so viele andere.

Ihren Ursprung haben die X-Projekte im Überdruss. In der Sättigung. Matthias Lilienthal sagt „Kunstkacke“ – und damit meint er das Theater, das er über ein Jahrzehnt lang als Dramaturg mit gestaltet hat. Herbert Fritsch, früher ein großer Provokateur, eine erstklassige Rampensau, sucht gleichfalls nach neuen Ausdrucksformen. Gelandet sind die X-Männer analog in der „Realitätskacke“. Und nicht nur sie.

Das haben wir in dieser Spielzeit stärker denn je erfahren: Je mehr die gesellschaftliche Realität theatralisch und inszeniert erscheint, umso mehr Realität braucht das Theater. Deshalb kann Castorf nicht mehr ohne Video. Deshalb holt Alain Platel für seinen „Wolf“ taubstumme Tänzer und Hunde auf die Bühne – mit Mozart. Der Trash of Civilizations: Ein Ende dieses Modernisierungsschubs und -schocks an den Bühnen lässt sich nicht absehen. X, die Lösung.

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