• DER FALL ELKE HEIDENREICH Die Kunst, eine gute Literatursendung zu machen: Der Schatten des Körpers des Buches

DER FALL ELKE HEIDENREICH Die Kunst, eine gute Literatursendung zu machen : Der Schatten des Körpers des Buches

Wie man Literatur ins Fernsehen bringt: ein Dilemma und seine Auswege

Jörg Magenau

Der Fall Elke Heidenreich erinnert ein wenig an den Fall Michael Ballack: Kritik, so sehr sie auch als demokratische Tugend gilt, stößt rasch an ihre Grenzen, wenn sie die eigenen Arbeitsverhältnisse betrifft. Die ZDF-Oberen dürften über die Attacke auch deshalb erstaunt gewesen sein, weil Elke Heidenreich in ihrem Programm nicht unbedingt für kritische Töne, sondern eher für Lobgesänge und Zustimmung zuständig war.

Kritik und Literatur gehören zwar tendenziell durchaus zusammen. Im Fernsehen aber ist Kritik hauptsächlich in Form von Talkshow-Gefuchtel zu finden und wird ansonsten von Dieter Bohlen verkörpert, wenn er seine Möchtegern-Stars mit einem knappen „Du singst scheiße, und du siehst scheiße aus“ abkanzelt. Wenn Marcel Reich-Ranicki, der ja immer noch als Kritiker-„Papst“ gilt, all das für „Quatsch, Dreck, Unsinn“ hält, ist das nicht wesentlich substanzhaltiger. Und doch stößt er damit allen Ernstes eine die Nation aufwühlende „Debatte“ an. Mit „Kritik“ hat das nicht wirklich zu tun.

Heidenreichs Sendung hieß wohlweislich nicht „Kritik!“, sondern „Lesen!“ – mit dem programmatischen Ausrufezeichen im Titel. Elke Heidenreich trat darin als oberste Fernseh-Buchhändlerin der Nation auf. Sie verstand sich als Missionarin einer bedrohten Kulturtechnik. Unermüdlich und mit einem etwas nervtötenden pädagogischen Furor warb sie fürs Lesen, als ob das eine Tätigkeit wäre, die sich befehlen oder auch nur herbeiwünschen ließe. Was sich befehlen lässt – in einem Massenmedium wie dem Fernsehen zumal – ist allenfalls das Bücherkaufen. Fernsehen ist Werbung und verführt zu Passivität. Lesen aber erfordert Aktivität und setzt eigene Findigkeit voraus. Schon deshalb steckte in Heidenreichs Erweckungseifer via TV eine gewisse Vergeblichkeit.

Gemessen an den Bestsellern, die sie produzierte, war „Lesen!“ aber die wirkungsvollste Literatursendung, die es im deutschen Fernsehen je gab. Immer wieder ist es Heidenreich gelungen, auch kleinen Verlagen und abseitigen Publikationen zu Verkaufserfolgen zu verhelfen. Das ist durchaus rühmenswert. Kein Wunder also, dass ihr Grundprinzip, mit nichts als Zustimmung und Begeisterung für Aufmerksamkeit zu sorgen, sich gerade bei den Verlagen besonderer Beliebtheit erfreute.

In einem offenen Brief haben 15 Verlegerinnen und Verleger die Verantwortlichen beim ZDF gebeten, „ihre Entscheidung zu revidieren“. Mit Elke Heidenreich verlieren sie ihre erfolgreichste Verkäuferin. Das ZDF aber lässt verlauten, man arbeite bereits am Konzept für eine Nachfolgesendung und „neuen Formaten“. Literatur soll auch in Zukunft einen Platz im Programm erhalten. Fragt sich nur: in welchem quotenfernen Randbereich?

Mit Kritik – so viel darf man jetzt schon vermuten – wird auch die Nachfolgesendung nichts zu tun haben. Für Literaturkritik ist im Fernsehen kein Platz. Selbst das „Literarische Quartett“ hatte ja, wie Marcel Reich-Ranicki oft genug betonte, nichts mit Literaturkritik zu tun. Es war eine Unterhaltungssendung, und sie unterhielt durch die markante Besetzung der verschiedenen Hauptrollen: den großen Pauschalisierer Reich-Ranicki, den staunenden Kopfschüttler Karasek und die Einspruch erhebende Sigrid Löffler als Stimme der Vernunft. Und doch konnte man dort beobachten, wie Urteile im Für und Wider, in kritischer Rede und Gegenrede, überhaupt erst entstehen. Literaturkritik beweist sich ja nicht im Dekretieren von Meinungen, sondern im Gespräch über Bücher, im Erfahrungsaustausch unter Lesern. Dabei lassen sich modellhaft demokratische Prozesse der Urteilsbildung beobachten. Dies in einer Talkshow anzudeuten, war die große Leistung des „Quartetts“. Das ist, wenn es gelingt, das Maximum dessen, was Literaturvermittlung im Fernsehen vermag und ist auch Heidenreichs Monologen überlegen. Ähnliches versucht die Sendung „Literatur im Foyer“ im SWR, in der neben Kritikern vor allem die Autoren selbst zu Wort kommen. Das ist mal erhellend, mal auch nur langweilig. Aber so ist das ja mit den Büchern auch.

Über Literatur kann man reden – darstellen kann man sie nicht. Literatur im Fernsehen ist deshalb so etwas wie die Quadratur des Kreises. Besonders lächerlich und hilflos sind all die Beiträge in Kulturmagazinen und Literatursendungen, die versuchen, den Inhalt von Romanen unmittelbar auf der Bildebene umzusetzen. Da sieht man dann, wenn es sich um einen Kriminalroman handelt, schwarze Herrenschuhe eine Treppe hinaufsteigen oder ein Messer, das klirrend zu Boden fällt. Die Orte des Geschehens werden aufgesucht, als hinge die Qualität eines Romans vom stimmigen Setting ab. Und Autoren fahren im Zug durchs Land und blicken nachdenklich hinaus in den Nebel.

In der ARD-Sendung „Druckfrisch“ unternimmt Moderator Denis Scheck gerne Ausflüge an besondere Orte, um die Autorengespräche fernsehgerecht aufzupeppen. Er ist der Weltenbummler des Literaturbetriebs, der die Buchberichterstattung nachhaltig modernisiert hat: Da sitzt nicht mehr der klassische Strickjagenträger im Lesesessel, da stürzt sich ein krawattentragender Bücher-Broker mitten ins Geschehen. Hans Magnus Enzensberger interviewt er im Flughafenfoyer, Brigitte Kronauer im Hochgebirge und Frank Schätzing auf einem Boot. Anschließend stürzt der Moderator publikumswirksam ins Hafenbecken. Das ist dann eher Zirkus als Literatur, aber offenbar sind solche Mätzchen nötig, damit eine Literatursendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wenigstens um 23.30 Uhr laufen kann.

„Druckfrisch“ ist eine lehrreiche Sendung. Exemplarisch lässt sich daran ablesen, wie sich ein Kritiker verwandelt, wenn er zum Moderator, ja mehr noch: zu einem Persönlichkeitsdarsteller wird. Literaturkritik ist ja stets eine subjektive Angelegenheit, weil sie etwas mit persönlichem Geschmack zu tun hat. Es liegt also nahe, den Kritiker im Fernsehen als eine sichtbare, öffentliche Figur aufzubauen, die sich beschimpfen oder auch verehren lässt.

Der Kritiker, der sonst im Verborgenen schreibt – oder wie im Fall von Denis Scheck Radio macht – bekommt einen Körper, agiert sichtbar, wird zur markanten Erscheinung. Für seine Urteile steht er mit seinem ganzen Gewicht ein. Das war schon das Erfolgsprinzip Reich-Ranickis im Fernsehen. Nicht die Literatur bekommt damit die Hautrolle, sondern der Moderator. Denis Scheck zeigt aber auch, dass fernsehkompatible kritische Formen sehr wohl möglich sind, wenn sie kurz und knapp vorgetragen werden. Seine Bestellerkritik, die mit wenige Sätzen die Top Ten der Woche in Tops und Flops sortiert, ist immer wieder witzig, geistreich und unterhaltsam.

Doch keine Literatursendung entkommt dem Dilemma, dass Literatur als sprachliches Medium sich nicht sichtbar machen lässt. Das Fernsehen macht Bücher tendenziell unwichtiger und wertet die Bedeutung der Autoren auf. Es verwandelt Schriftsteller in Selbstdarsteller, die sich wie Verkäufer ihrer selbst verhalten müssen.

Das Anforderungsprofil an den Schriftstellerberuf hat sich dadurch massiv verändert. Wer nicht gut aussieht und eher schweigsam ist, hat keine Chance. Es sei denn, er weiß sich zu inszenieren. So wie der gerne in den Erkennungsfarben gelb und schwarz auftretende Uwe Tellkamp, der in Frankfurt eine seltsame Mütze aufsetzte, um all denen, die seinen Roman noch nicht gelesen hatten, Gelegenheit zum Mitreden zu geben. Was die Mütze uns wohl sagen soll? Die Literaturkritik hat dazu noch kein abschließendes Urteil getroffen.

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