• Der Fall Gurlitt und NS-Raubkunst: 184 verdächtige Werke kommen ins Lost-Art-Verzeichnis

Der Fall Gurlitt und NS-Raubkunst : 184 verdächtige Werke kommen ins Lost-Art-Verzeichnis

Dokumente aus Gurlitts Nachlass sollen bald im Bundesarchiv einsehbar sein. Im Tagesspiegel-Salon spricht Kulturstaatsministerin Monika Grütters über NS-Raubkunst und die Arbeit der Taskforce, aus Anlass der Buchvorstellung "Hitlers Kunsthändler".

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu Gast im Tagesspiegel, bei der Vorstellung der Hildebrand-Gurlitt-Biografie "Hitlers Kunsthändler" von Meike Hoffmann und Nicola Kuhn.
Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu Gast im Tagesspiegel, bei der Vorstellung der Hildebrand-Gurlitt-Biografie "Hitlers...Foto: Mike Wolff

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat bekanntgegeben, dass die 184 raubkunstverdächtigen Werke aus der Salzburger Wohnung von Cornelius Gurlitt auf der Lost-Art-Datenbank eingestellt werden, voraussichtlich in den nächsten zehn Tagen. Die CDU-Politikerin teilte dies am Dienstagabend auf einer Veranstaltung der Tagesspiegel-Reihe "Zeitung im Salon" im Verlagsgebäude des Tagesspiegel am Askanischen Platz mit. Auf www.lostart.de wurden bisher 498 Werke aus dem Schwabinger Kunstfund veröffentlicht. Außerdem teilte Grütters mit, dass Materialien aus den ebenfalls in Salzburg sichergestellten 17 Kisten mit Dokumenten aus dem Nachlass des NS-Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt ab Anfang April für Wissenschaftler und Journalisten im Bundesarchiv einsehbar sein werden. Auswertbar sind damit unter anderem die historischen Fotos aus den Alben des Kunstkabinetts von dessen Vater Hildebrand Gurlitt sowie 2000 weitere Fotos, deren Beschriftungen für die Provenienzforschung aufschlussreich sein können. Aus Datenschutzgründen, so Grütters, müssten die Materialien in den Lesesälen des an vier Standorten des Bundesarchivs verbleiben, sie sind auf diese Weise aber der Fachöffentlichkeit zugänglich. Zudem werden 6000 Schriftstücke aus dem Nachlass digitalisiert, die für die Provenienzforschung relevant sind.

Die Gurlitt-Taskforce: Grütters versteht die Ungeduld der Opfer, bittet aber um Geduld

Grütters sagte dies im Tagesspiegel-Salon anlässlich der Vorstellung der von Kunsthistorikerin Meike Hoffmann und Tagesspiegel-Kunstredakteurin Nicola Kuhn verfassten Biografie "Hitlers Kunsthändler - Hildebrand Gurlitt 1895–1956" (Verlag C.H. Beck, München 2016, 400 S., 24,95 Euro). Gurlitt kam aus einer Familie von Künstlern und Intellektuellen, er machte sich in den zwanziger und dreißiger Jahren als fortschrittlicher Museumsmann einen Namen und verstrickte sich im Zweiten Weltkrieg in die Raubkunst-Geschäfte der Nationalsozialisten. Unter anderem war er Chefeinkäufer für Hitlers sogenanntes Führer-Museum in Linz. Sein Sohn Cornelius Gurlitt (1932 - 2014) war ins Visier der Steuerfahndung geraten, woraufhin die Augsburger Staatsanwaltschaft im Februar 2012 in seiner Münchner Wohnung über 1200 teils als verschollen geltende, teils unbekannte Kunstwerke beschlagnahmten. In seiner Salzburger Wohnung wurden später über 200 weitere Werke gefunden. Meike Hoffmann gehörte der vom Bund und dem Land Bayern eingesetzten Taskforce an, die bis Ende 2015 die Provenienz von Raubkunst-verdächtigen Werken aus dem Kunstfund aufklären sollte - was bislang zur Restitution von fünf Bildern führte.

"Zeitung im Salon" mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, moderiert von Kulturressort-Chef Rüdiger Schaper
"Zeitung im Salon" mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, moderiert von Kulturressort-Chef Rüdiger SchaperFoto: Mike Wolff

Zur Arbeit der Taskforce, deren Ergebnis von einigen als enttäuschend angesehen wurde, sagte Grütters am Dienstag: "Gründlichkeit und Schnelligkeit sind oft nicht gleichzeitig zu haben". Sie machte auch darauf aufmerksam, dass die Privatperson Cornelius Gurlitt, zum Zeitpunkt des Funds alt und krank, seinen Besitz nicht so umfassend habe dokumentieren können wie etwa ein Museum. Die 20 Provenienzforscher und 12 internationalen Experten hätten dennoch zu allen 500 raubkunst-verdächtigen Werken des Schwabinger Kunstfunds (insgesamt 1280 Artefakte) Aussagen getroffen. Auch die Widerlegung eines Verdachts sei ein gutes Ergebnis. "Ich verstehe die Ungeduld der hochbetagten Überlebenden und ihrer Nachfahren, aber wissenschaftlich saubere Ergebnisse kann man nicht erzwingen." Die Arbeit der Taskforce wird vom Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg weiterbetrieben.

Grütters: Nach dem Schwabinger Kunstfund ging bei der Provenienzfrage durch alle Museen ein Ruck

In der von Tagesspiegel-Kulturchef Rüdiger Schaper moderierten Veranstaltung des Tagesspiegel und des Verlags C.H. Beck wies die Kulturstaatsministerin auf das Engagement ihrer Behörde in Sachen NS-Raubkunst hin: Die Mittel zur Provenienzforschung seien verdreifacht, die bis zum Gurlitt-Fund eher verstreuten Aktivitäten der Museen gebündelt und die Taskforce sowie das Zentrum Kulturgutverluste eingerichtet worden. Der Fall Gurlitt führte laut Grütters dazu, "dass durch alle Museen und Kunstinstitutionen nochmals ein Ruck ging. Der Fall hat gezeigt, wir müssen uns noch mehr anstrengen." Die neuen Bewertungskriterien bei der Provenienzfrage habe die Kunsthäuser unter Druck gesetzt, "manchmal unter einen heilsamen Druck".

Zur Frage, ob es bald eine Gurlitt-Fund-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn gebe, erläuterte sie, dies solle geschehen, um in der Klärung der Provenienzfrage weiter voranzukommen. Gurlitt hatte das Kunstmuseum Bern als Erbe benannt. Vertraglich wurde nach seinem Tod jedoch vereinbart, dass eben diese Werke erst nach einer Klärung von Deutschland in die Schweiz gehen. Auch wird das Testament von einer Kusine Gurlitts angefochten. Erst nach einer juristischen Regelung, so Grütters, sei eine Ausstellung realisierbar, "mit der notwendigen Pietät gegenüber den jüdischen Opfern".

Die Kulturstaatsministerin stellte außerdem klar, dass ihre Behörde in keiner Weise an der Biografie "Hitlers Kunsthändler" mitgewirkt habe, wie es in einer Rezension fälschlich hieß. Sie habe von dem Buch erst durch die Einladung zur Salon-Veranstaltung erfahren, alle verwendeten Quellen seien öffentlich zugänglich, drittens hätte sie die kritische Würdigung der Taskforce-Arbeit unter Leitung von Ingeborg Berggreen-Merkel im letzten Buch-Kaptiel gewiss so nicht formuliert.

Gurlitt und die NS-Raubkunst, ein konfliktbehaftetes, moralisch, politisch und kunsthistorisch hochkompliziertes Thema - darin waren sich alle Podiumsteilnehmer einig. Tsp

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