Kultur : Der Fall Milosevic: Die Spurensuche

Bora Cosic

Meine deutsche Umgebung ist seit Wochen entsetzt über die Ermordung eines Mädchens in einem Wald nahe bei Berlin. Ich kann das sehr gut verstehen. Auch meine ehemalige Heimat sieht heute aus wie ein fröhliches Mädchen, das Fahrrad fährt und von einem Verbrecher zuerst mit einem gestohlenen Auto angefahren, dann missbraucht und schließlich getötet wird. So die kurze Geschichte einer Region im Süden, die schon ein ganzes Jahrzehnt andauert.

Zehn Jahre sind seit jenem Kapitalverbrechen vergangen, und die sich hinschleppenden Ermittlungen sollen Spuren aufdecken. Der Täter aus Brandenburg wurde gefasst, weil er seinen Fingerabdruck auf einer Flasche hinterließ. Meine Leute aus dem Süden allerdings suchen diese Flasche noch immer - obwohl der Hauptverdächtige ebenfalls vor kurzem verhaftet wurde.

Zum Thema Online Spezial: Wie geht es weiter mit Milosevic? Das ist unsere jugoslawische Variante der Abrechnung mit einem Diktator: etwas anders als die rumänische, wo der Herr und seine Dame einfach vor eine Wand gestellt und durchlöchert wurden. Möglich, dass solche Dinge leichter gelöst werden in dem Land, in dem der berühmte Vampir Dracula lebte. Mit dem wird die dortige Bevölkerung in ihren Träumen schon seit jeher fertig, und vielleicht beunruhigen sie die Geister des getöteten Diktatoren-Ehepaars auch nicht so sehr.

Bei den Serben ist das viel strapaziöser. So gelingt es ihnen nicht, jene Flasche mit der Spur des Mörders in irgendeinem Wald zu finden, und falls sie sie doch - wie durch ein Wunder - irgendwann finden sollten, ist es gut möglich, dass der verbrecherische Abdruck längst verwischt ist. Es steht nur fest, dass jenes Mädchen, in dem ich mein ehemaliges Land wieder erkenne, schon seit langer Zeit tot ist, vom Fahrrad geworfen mitten in seiner fröhlichen Fahrt. Es machte sich auf nach Europa, aber aus dem Hinterhalt tauchte ein Werwolf auf, und nun existiert es nicht mehr. Der Werwolf ist unsere serbische Variante des Vampirs. In Rumänien treibt der selige Graf sein Unwesen, in England der verbrecherische Doppelgänger des berühmten Gelehrten, und in Serbien ist es eine bäuerliche Kreatur, die nachts in kleinen Mühlen an Bächen erscheint. Unsere Vampirologie ist recht entwickelt, allerdings wird sie bloß im ländlichen Milieu gepflegt.

Ein Freund von mir, der Enkel von Leo Tolstoi, hat viel Jahre auf der Suche nach Vampirspuren in Serbien verbracht. Ich glaube, dass er schon eine Menge Material zusammengetragen hat, denn sogar die Personen aus dem Jenseits hinterlassen Beweise ihrer Taten. Doch nun scheint es so, als hätten einige gewöhnliche Verbrecher, die mein Land missbraucht und erschlagen haben, ständig Gummihandschuhe getragen. Daran zweifle ich allerdings. Denn in meiner Gegend werden solche Dinge ohne Erbarmen und mit viel weniger Vorsicht erledigt. So dass auf einmal jeder, dem es beliebt, das gesamte, relativ anständige Land niedermachen, vergewaltigen und erschlagen kann.

Wie so oft geht die selbe Kreatur anschließend in eine Spelunke und betrinkt sich. Denn das, was unser Diktator so lange betrieb, kam der irrsinnigen Betrunkenheit nach einem Verbrechen gleich. Als wäre er nie in jenem Wald gewesen, als hätte er dem Mädchen, das mein Land war, nie etwas angetan! Sie können sich bei den Augenzeugen erkundigen, sie können ermitteln, wer auf jenem Waldweg stand, und sie sollen den Wirt, der ihm einschenkte, ordentlich unter Druck setzen. Und die Bande, mit der er später trank.

Allerdings ist bei meinem Volk die Fähigkeit zum Verschweigen stark ausgeprägt. Sogar bei den schlimmsten Dingen. Und zwar deshalb, weil ziemlich viele Menschen in das Verbrechen dort im Süden verwickelt sind, zumindest als Beobachter. Auch bei uns gibt es Personen, die den polnischen Bauern ähnlich sind, die in aller Ruhe ihr Feld bestellen, und auf dem Nachbargrundstück qualmen die Schornsteine. Das Wichtigste ist jedoch, dass die Hauptverdächtigen hinter Gitter kommen. Und die Flasche mit dem Abdruck jener fettigen, verbrecherischen Klaue wird bald noch auftauchen.

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