Kultur : Der Fall Mortara: Am vergangenen Wochenende wurde Pius IX. in Rom selig gesprochen

Julius H. Schoeps

Im Jahr 1858 beichtete eine christliche Magd in Bologna, sie hätte einige Jahre zuvor den jüdischen Knaben Edgardo Mortara heimlich getauft, um seine Seele zu retten. Der Priester meldete das Gehörte umgehend der Inquisitionsbehörde, woraufhin päpstliche Gendarmen ins Haus der Mortaras geschickt wurden, um den Sechsjährigen seinen Eltern wegzunehmen. Er wurde in das 1540 in Rom von Ignatius von Loyola gegründete Haus der Katechumenen gebracht, um künftig im katholischen Glauben erzogen zu werden. Dieses Haus diente der Bekehrung Ungläubiger, insbesondere aber von Juden.

Der Fall des von einem Dienstmädchen getauften Edgardo Mortara erregte ganz Europa und löste auch in den Vereinigten Staaten große Empörung aus. Die Vorstellung der Kirche, dass ein getauftes jüdisches Kind nicht länger bei seinen jüdischen Eltern bleiben dürfe, entsprach der damals gängigen Theologie. Ihr zufolge wird der Mensch durch die Taufe Teil des mystischen Leibes Christi und damit ein Kind der wahren Kirche. Kopfschütteln löste allerdings aus, dass die Zeremonie der Taufe von jedermann vollzogen werden konnte. Dabei reichte es bereits, ein wenig Wasser auf den Kopf des Täuflings zu träufeln und dazu die Worte zu murmeln: "Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes".

Momolo Mortara, der Vater des kleinen Edgardo, setzte alle Hebel in Bewegung, um die Freilassung seines Sohnes zu erreichen. Trotz der Proteste und Eingaben aus dem In- und Ausland war Papst Pius IX. jedoch nicht bereit, den geraubten Knaben wieder herauszugeben. Gott habe der Kirche, so heißt es in seiner Verteidigungsschrift, "die Macht und das Recht verliehen, die getauften Kinder von Ungläubigen an sich zu bringen ...".

Gleichgültig also, wie die Umstände der Zwangstaufe bewertet wurden, der Pontifex glaubte, sich in der Mortara-Angelegenheit auf das kanonische Recht berufen zu können. Dem Botschafter beider Sizilien gegenüber ging Pius IX. sogar so weit, zu erklären: "Ich weiß, was in dieser Sache meine Pflicht ist, und wenn Gott es mir beschieden hat, werde ich mir eher eine Hand abhacken lassen, als diese Pflicht zu vernachlässigen".

Auch in Deutschland sorgten die Nachrichten aus Italien für einige Aufregung. Die Berliner Jüdische Gemeinde richtete im Namen aller anderen Kultusgemeinden in Preußen Ende 1858 ein Gesuch an den Prinzregenten, beim Heiligen Stuhl in der Angelegenheit zu intervenieren. Im Antwortschreiben hieß es, dass Seine Königliche Hoheit zwar den Schmerz der Eltern des jungen Edgardo nachempfinde, aber man um Verständnis dafür bitte, dass dieser sich nicht in die Angelegenheiten eines fremden Staates einmischen könne. Der preußische Geschäftsträger am Vatikan sei aber angewiesen, bei sich bietender Gelegenheit den päpstlichen Behörden gegenüber die Grundsätze des preußischen Staates auszusprechen.

Für den Maler Moritz Daniel Oppenheim und den Frankfurter Rabbiner Leopold Stein (1810-1882), die beide liberal dachten, war die Entführung des Edgardo Mortara ein ausgemachter Skandal. Oppenheim fertigte eine Zeichnung über den Kindesraub in Bologna, und Leopold Stein schrieb in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Der israelitische Volkslehrer", Papst Pius IX. verhalte sich so, als ob der junge Edgardo sein Leibeigener sei. Die Entführung sei eine "Freveltat", ein "himmelschreiendes Unrecht". Notwendig sei es, einen "Verein für allgemeine israelitische Angelegenheiten" zu gründen, der überall dort tätig werden müsse, wo Rechte von Juden bedroht seien. Man könnte, so Stein, den Verein vielleicht sogar "Mortara-Verein" nennen.

Der Mortara-Fall regte Leopold Stein im Übrigen an, ein Drama in vier Aufzügen zu schreiben. Es heißt "Der Knabenraub zu Carpentras" (1863) und spielt im Frankreich der Jahre 1779 und 1791. Im Unterschied zum Schicksal des kleinen Edgardo kann der Junge im Drama jedoch ins Elternhaus zurückkehren, da die Französische Revolution neue Verhältnisse schafft und der Inquisition ein Ende bereitet.

Regen Anteil nahm auch der seit Mitte der vierziger Jahre mit seiner Frau in Rom lebende Arzt, Theologe und Gelehrte Salomon Ludwig Steinheim (1789-1866). Im Fall Mortara nahm er in ähnlicher Weise kritisch Stellung, wie er das schon in seiner Hamburger Zeit in der Emanzipationsdebatte der Holsteinischen Ständeversammlungen getan hatte. Ein Manuskript, lange Jahre verschollen und kürzlich im Jerusalemer Steinheim-Nachlass wieder aufgefunden, erzählt die Umstände des Falles, dem Steinheim eine über Italien hinaus reichende Bedeutung zumaß: Eine Religion, urteilte Steinheim, in deren Namen Kinder zwangsgetauft würden, verdiene es nicht, Religion genannt zu werden.

Das gesteigerte Interesse, das der Mortara-Fall auslöste, kann nur so erklärt werden, dass die Kritiker Pius IX. den Fall im Zusammenhang mit dem Kampf um die Durchsetzung liberaler Positionen in Europa sahen. In gewisser Weise ahnten sie, dass der Mortara-Fall von den konservativen Kreisen dazu benutzt wurde, freiheitliche Konzeptionen zu denunzieren. Indirekt sahen sie sich durch die Vorwürfe der Kirche und der mit ihr sympathisierenden Kreise bestätigt, die den Kritikern der Entführung des jungen Edgardo unterstellten, Revolutionäre zu sein.

Die Entführung des Edgardo Mortara war ein spektakulärer Fall, aber durchaus kein Einzelfall. So genannte "Nottaufen" hat es immer wieder gegeben, bis in das 20. Jahrhundert hinein. Der Fall Mortara, der Aufmerksamkeit in aller Welt erregte, liegt jedoch etwas anders. Er trägt einerseits alle Elemente eines Melodrams in sich und ist andererseits spektakulär, weil er den Zeitgenossen verdeutlichte, in welchem Konflikt Tradition und Moderne miteinander stehen.

Denn der Heilige Stuhl wollte an seiner weltlichen Macht und den überkommenen kirchlichen Doktrinen um jeden Preis festhalten. Der Mortara-Fall ist das exemplarische Beispiel dafür, dass das weltliche Italien Ende der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts offensichtlich nicht mehr bereit war, sich kirchlicher Willkür zu beugen. Diese gewandelte Einstellung führte dazu, dass sich die Risorgimento-Bewegung ganz bewusst des Mortara-Falles annahm. Deshalb wurde der Skandal nicht vergessen und konnte zu einem der Gründungsbausteine des modernen italienischen Nationalstaates hochstilisiert werden.

Nach dem Ende der päpstlichen Herrschaft hätte Edgardo Mortara zu seiner Familie und zum Judentum zurückkehren können. Das tat er nicht. Er hatte inzwischen den Namen Pius angenommen und war Novize im Augustiner-Orden geworden. Pater Edgardo, wie er nun hieß, hatte sich zu einem glühenden Anhänger der Kirche entwickelt, einige Jahre später verlieh Papst Leo XIII. ihm sogar den Titel "Apostolischer Missionar". Als er am 11. März 1940 in der Nähe von Lüttich starb, erinnerte sich kaum noch jemand an den Fall Edgardo Mortara.

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