Kultur : Der Fall Schmökel: Wie die Polizei fahndet

Holger Stark,Claus-Dieter Steyer

15234 Frankfurt (Oder), Nuhnenstraße 60, Mittelblock, 2. Etage, großer Versammlungsraum: So lautet die genaue Adresse des Führungsstabes für die bundesweite Fahndung nach dem Schwerverbrecher Frank Schmökel. 20 Polizeibeamte arbeiten hier rund um die Uhr an der Suche nach dem 38-Jährigen. An dem großen Tisch laufen die erfolgversprechendsten Hinweise ein. Im Handumdrehen werden die Einheiten von Polizei, Bundesgrenzschutz und Zoll an den jeweiligen Einsatzort dirigiert. Im Hintergrund sichten noch einmal 60 bis 70 Polizisten pro Zwölf-Stunden-Schicht die ständig eingehenden Nachrichten. Bisher stehen in den großen Listen rund 1200 Hinweise. Allein nach der ZDF-Sendung "XY-ungelöst" riefen 65 Personen an, die Schmökel irgendwo gesehen haben wollen.

Seit einigen Tagen wurde die Kompetenz des 20-köpfigen Führungsstabes erheblich erweitert. "Wir können nun direkt im gesamten Bundesgebiet die Polizeikräfte führen", sagt der Präsident des Frankfurter Polizeipräsidiums, Hartmut Lietsch. Die sonst übliche Zwischenstation der Lagezentren der jeweiligen Innenministerien in den Bundesländern ist angesichts der Besorgnis erregenden Lage weggefallen. "Wenn uns also beispielsweise aus Bremen oder Hessen ein ernst zu nehmender Bürgerhinweis erreicht, weisen wir sofort die Polizeieinheiten oder Sondereinsatzkommandos an", erklärt Lietsch. Er sieht am Sonnabendnachmittag mehr als müde aus: Die vergangenen 48 Stunden hat er im Wesentlichen am Tisch des "Führungsstabes für außergewöhnliche Lagen" (Füsal) verbracht.

Bei Fahndungen nach entflohenen Kriminellen wie Frank Schmökel oder Dieter Zurwehme geht die Polizei traditionell zweigleisig vor: Mit Einsatzhundertschaften auf der Straße und mit den Zielfahndern, die die eigentlichen Experten zur Person Schmökel sind. Ein Dutzend gut ausgebildeter, hoch spezialisierter Kriminalisten aus dem Landeskriminalamt, die keine Wald-und-Wiesen-Jagd betreiben, sondern aus den vielen Puzzlestücken ein Mosaik erstellen, das irgendwann zu Schmökel führen soll.

Die Hauptarbeit der Zielfahnder besteht darin, ein Profil des Täters zu erstellen, tief in dessen Persönlichkeit einzutauchen. Kaum jemand in Deutschland weiß derzeit so viel über Frank Schmökel, wie die Kriminalisten in Basdorf - über seine Lieblingshobbys, seine früheren Urlaubsorte, ehemalige Freundinnen und Bekannte. Das wichtigste sei, "so zu denken wie die Täter", beschreibt ein Berliner Zielfahnder die Arbeit. Sie sammeln alle Informationen, die sie bekommen können und erstellen daraus Fahndungsansätze. Oft erfolgreich: Viele der spektakulären Festnahmen gehen auf ihr Konto. Wie etwa die des Baulöwen Jürgen Schneider, der schließlich in Florida gestellt wurde.

Auf der Jagd nach Jürgen Schneider reisten die Zielfahnder in die Schweiz, die USA und nach Kanada, wussten um Schneiders Übergewicht, vollzogen Kontobewegungen nach und sprachen mit alten Studienfreunden. Schließlich stellten die Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) 1995 fest, dass ein Team des ZDF recherchierte, wo Schneider sich aufhalten könnte. Die Journalisten hofften auf ein Interview. Daraufhin überwachten die BKA-Leute die Handys der ZDF-Redakteure - eine außergewöhnliche und umstrittene Maßnahme. Zu Schneider führte schließlich ein italienischer Helfer des Immobilienhändlers. Auch ihn hatten die Zielfahnder observiert.

Im Fall des Ende der 70er Jahre gesuchten Rolf Pohle, Mitglied der linken Untergrundgruppe "Bewegung 2. Juni", fanden die Fahnder heraus, dass Pohle vorzugsweise die "Süddeutsche Zeitung" las. Da sie vermuteten, dass er sich in Griechenland aufhielt, überwachten sie in einer konzertierten Aktion sämtliche Kioske, die die "Süddeutsche" führten. Tage später tauchte Pohle auf, kaufte seine Zeitung - und wurde festgenommen.

Bei der Fahndung nach Frank Schmökel hoffen die Brandenburger Beamten auf beides: Auf die Zielfahnder, die beispielsweise einen alten Bekannten aus Knastzeiten überwachten und so am vergangenen Montag an einen der vier Briefe kamen. Oder auf einen Zufall, dass Schmökel irgendwo bei einer Kontrolle erkannt wird.

Auf Ausnahmesituationen wie diese ist die Führung der Polizei so gut wie möglich vorbereitet. "Sie trainieren solche Situationen regelmäßig und bewiesen schon mehrfach ihre Kompetenz", meint Polizeipräsident Lietsch. Als Beispiele nennt er das Oderhochwasser 1997 oder die Suche nach dem entführten Gastwirtsohn Hintze aus Geltow. Die Mannschaft werde speziell für solche Aktionen bereitgehalten. Zum Krisenstab gehörten rund 40 Kollegen, 20 pro Schicht.

Insgesamt sind täglich 200 bis 400 Beamte im Einsatz; die Brandenburger Kräfte werden unter anderem durch Bereitschaftspolizisten aus Nordrhein-Westfalen, Berlin und Sachsen unterstützt. Auch die Bundeswehr steht bereit. "Doch nicht immer bedeuten viele eingesetzte Leute auch den sofortigen Erfolg", sagt Lietsch.

Manchmal hilft den Fahndern weder Masse noch Spezialistentum weiter. Bei der Suche nach Dieter Zurwehme verwechselten sie den flüchtigen Mörder mit einem 61-jährigen Urlauber. Der Tourist wurde in einem thüringischen Hotel ohne Vorwarnung erschossen. Zurwehme dagegen wurde von Passanten erkannt und dann festgenommen. Von zwei einfachen Streifenpolizisten.

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