Der Fall Spengler : "Wir sind hier nicht in der Visa-Abteilung"

Vor allem junge Chinesen fotografieren sich vor den Porträts deutscher Fürsten und koketter Bürgerdamen. Lange Schlangen, Beethoven und der Fall Spengler: Der erste Tag der "Aufklärung" in Peking.

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Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat bei seinem China-Besuch anlässlich der deutschen Großausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ gegenüber seinen chinesischen Amtskollegen Yang Jiechi im internen Gespräch auch die verweigerte Einreise für den deutschen Schriftsteller und China-Experten Tilman Spengler angesprochen. Öffentlich aber mochte Westerwelle dies weder bei der Ausstellungseröffnung am Freitagabend noch beim ersten Symposion der Reihe „Aufklärung im Dialog“ am Samstagvormittag im Chinesischen Nationalmuseum in Peking wiederholen. Er erinnerte als Hauptredner der Konferenz aber daran, dass die Menschenrechte „auch in der chinesischen Verfassung verankert“ seien. Danach musste der Außenminister zu seiner Maschine nach Japan, und die Gesprächsrunde übernahmen die Generaldirektoren der beteiligten Staatsmuseen aus Berlin, Dresden und München sowie ihre Kollegen vom Pekinger Nationalmuseum und dem gleichfalls mit Deutschland kooperierenden Nationalen Kunstmuseum in Schanghai. Eine spätere Nachfrage zum Fall Spengler wurde von chinesischer Seite mit dem Satz „Wir sind hier nicht die Visa-Abteilung“ barsch erledigt.

Zuvor aber herrschte unter „langjährigen Freunden“ Einigkeit, dass die „Aufklärungs“-Ausstellung ein „Meilenstein in den deutsch-chinesischen Kulturbeziehungen“ sei. Leicht amüsiert merkte Lü Zhangshen als Hausherr an, dass nach den Deutschen bei ihm bereits das British Museum, mehrere italienische Häuser und das New Yorker Metropolitan Museum Schlange stünden für ähnliche Projekte – die allesamt die westlichen Gäste bezahlen. Schlange stehen nun auch die einheimischen Besucher, die „Kunst der Aufklärung“ erwies sich bei der Publikums-Öffnung am Samstagmittag als Magnet. Vor allem junge Chinesen fotografieren sich dabei vor den Porträts deutscher Fürsten und koketter Bürgerdamen. Zudem werden die chinesisch-englischen Bildlegenden akribisch studiert. Was Dresdens Museumsdirektor Martin Roth darin Recht geben könnte, dass es nicht um den „Event“, vielmehr um „die kulturelle Nachhaltigkeit“ dieser auf die Dauer eines Jahres angelegten Ausstellung ankomme. Hausherr Lü Zhangshen meinte: „Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt.“

Zum Event gehörte, dass am Eröffnungsabend die mit Berliner und Münchner Musikern verstärkte Dresdner Staatskapelle in der Konzerthalle des Riesenmuseums Beethovens „Eroica“ unter Lorin Maazels schlank-präziser Leitung spielte. An den Schlussovationen beteiligten sich neben der dem Politbüro angehörenden Staatsrätin Liu Yandong auch die deutsche Politikerdelegation, von Westerwelle und Sachsens Ministerpräsident Tillich bis zu Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz. Übrigens war die Staatskapelle bereits am Vorabend zur Präsentation der in Dresden gefertigten neuen Luxusversion des VW-Phaeton angetreten. Auch die Wirtschaft findet so Platz in dem von den Architekten von Gerkan, Marg und Partner neugestalteten Haus. Nur Chinas Aufklärer und Philosoph Konfuzius steht draußen. Erst vor einem Jahr durfte seine massige Statue vor einem Seitenflügel des Museums aufgestellt werden. Und Herr K. lächelt ein wenig skeptisch und hintersinnig.

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