Der Farbenrausch des Otto Piene : Her mit der Sonne

Der Licht- und Luftkünstler Otto Piene verzaubert mit einer Doppelschau der Neuen Nationalgalerie Berlin und der Deutschen Bank Kunsthalle.

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Berlins Sommernächte sind berühmt. Otto Piene schenkt ihnen eine weitere Variante jener beseelenden Stunden, indem er die Sonne herunterholt. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, er tut es genau zwischen 22 Uhr und 3 Uhr morgens. Immer dann verwandelt er die gläserne Halle des Mies-van-der-Rohe-Baus in einen psychedelischen Traum. Projektionswände sind aufgestellt, im Zentrum eine Kugel, auf die Beamer mal kreisförmige, mal verlaufende Farben werfen. Genau 26 Minuten dauert ein Durchlauf, der das Publikum in andere Gefilde versetzt. Mit einem Cocktail in der Hand darf der Besucher zwischen den Projektionen lustwandeln oder sich auf Kissen am Boden niederlassen und staunen. Er wird Bestandteil eines Gesamtkunstwerks.

„The Proliferation of the Sun“ hat der Lichtkünstler Piene seine Inszenierung genannt, die in Berlin nach über 50 Jahren ihre Wiederaufführung erfährt. Damals hatte er mit über tausend handbemalten Dias die gerade erfundenen Diakarussells bestückt und Galerien, Off-Spaces sowie Kellerkinos damit bespielt. Vom Band ist auch jetzt noch zu hören, wie er seine Helfer anleitet, das Tempo der Karussells immer wieder zu verändern, dazwischen stakkatohaft sein beschwörender Ruf „The sun, the sun, the sun“. Pienes Kunst-Sonne scheint sechs Wochen lang, sie beschert ein besonderes Glück.

Zwei Klassiker kommen hier zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die Neue Nationalgalerie, in ihrer Rationalität eine Ikone der Moderne auf der einen Seite und auf der anderen Otto Piene, der in den Fünfzigern mit Heinz Mack und Günther Uecker jene legendäre Zero-Gruppe gründete, deren erklärtes Ziel die Überwindung des Museums und seiner Begrenzungen war. Ihre experimentelle Kunst öffnete sich dem Raum, der Zeit, den Elementen. Doch Gegensätze ziehen sich bekanntlich an – Piene und Mies, das ist eine grandiose Verbindung aus nüchtern und bunt, weich und hart, streng und spielerisch, Tag und Nacht. Vor seiner sanierungsbedingten Schließung zum Jahresende erlebt das Gebäude noch einmal einen großartigen Auftritt, eine Vision, die Fantasien für den Neubau einer Galerie des 20. Jahrhunderts am Kulturforum weckt.

Einst wollte er Museen überwinden, jetzt kehrt er triumphal zurück

Dass sich Zero und Museum durchaus verbinden lassen, ist längst erwiesen. Die Bewegung ist im Museentempel angekommen, die Protagonisten haben ihren festen Platz in der Kunstgeschichte der Nachkriegszeit. Und doch gibt es seit einiger Zeit wieder ein vitales Interesse an Piene, Mack und Uecker, nicht nur weil jüngere Künstler wie Olafur Eliasson oder Tomás Saraceno von ihnen inspiriert wurden. Der Kunstmarkt hat in den drei älteren Herren, die alle noch arbeiten, seine neuesten Helden entdeckt, Retrospektiven unterfütterten in den letzten Jahren den Hype. 2015 kommt als alles überwölbendes Ereignis eine große Übersichtsschau in den Berliner Martin-Gropius-Bau, sie wurde gemeinsam mit dem Guggenheim in New York und dem Stedelijk Museum in Amsterdam erarbeitet.

Die aktuelle Piene-Ausstellung „More Sky“ in der Deutschen Bank Kunsthalle Unter den Linden als Ergänzung zur Inszenierung in der Neuen Nationalgalerie gibt außerdem Gelegenheit zu überprüfen, was dran ist an dem neuen Interesse für eine Bewegung, die lang vorbei ist. 1966 trennte sich das Trio nach acht Jahren im Kollektiv, Piene war da bereits nach New York übergesiedelt. 1968 beruft ihn das Massachusetts Institute of Technology (MIT) zum ersten internationalen Fellow des neuen Center for Advanced Visual Studies, bis heute lebt er in der Nähe von Boston. Hier entwickelte er mit Wissenschaftlern die technischen Möglichkeiten für seine Sky Events, aufblasbare Skulpturen mit dem Himmel als Schauraum. Deren spektakulärste sollte der Regenbogen über dem Münchner Stadion zum Abschluss der Olympischen Spiele 1972 werden. Die tragischen Ereignisse um die Geiselnahme verliehen dem symbolischen Bild eine besondere Bedeutung, als Zeichen der Hoffnung.

Von dem Werk sind am Ende nur Aufnahmen geblieben, Erinnerungen. Pienes Kunst ist ephemer. Umso höher werden die objekthaften Relikte jener heroischen Phase gehandelt, Gemälde, Skulpturen, bewegliche Strahler im Raum, die den Bauhaus-Künstler Laszlo Moholy-Nagy zum Vorgänger haben. Die Deutsche Bank gibt mit 60 Arbeiten einen Rückblick auf die Zeit bis in die siebziger Jahre. Sie überraschen in ihrer Frische und Qualität. Die noch in Pienes Düsseldorfer Atelier entstandenen Lichtdrucke, die Sonnenbilder, deren konzentrische Tupfen durch aufgelegte Raster entstanden, die Graphit-Spiralen – sie alle könnten von aktuellen, jungen Künstlern stammen. Auch die Inszenierung von Events, die herrliche Verwandlung der Neuen Nationalgalerie in eine übergroße Lounge, könnte als Idee von heutigen Veranstaltern entwickelt worden sein.

Piene entwickelte den Regenbogen über dem Münchner Olympiastadtion

Doch eins unterscheidet die damalige Generation fundamental: Als junger Mann aus Krieg und Gefangenschaft heimgekehrt, wollte Piene den Neuanfang, er sah das eigene Überleben als „Verpflichtung gegenüber dem Kosmos“ an. Die Begegnung mit dem 86-Jährigen am Eröffnungstag in der DB-Kunsthalle beeindruckt noch immer: „Wir waren erstaunt, dass wir am Leben waren. Das hatten wir nicht erwartet. Das war der enorme Impuls, etwas zu machen – eine andere, eine bessere Welt.“ Für diesen vielleicht naiven Wunsch hat der Künstler wohl immer wieder Kritik einstecken müssen, wie sein Nachsatz belegt. „Endgültig gelungen ist uns das zwar nicht, aber vieles ist doch schöner geworden“, beschwört er die Berliner und deren Skeptizismus. Hier hatte er einst seine erste Einzelausstellung, 1960, in der Galerie Diogenes.

Die Stunde null sollte es auch in der Kunst geben, glaubten die Idealisten von Zero, deshalb führten sie diese Vision in ihrem Namen. Für die jungen Künstler hatte sich die klassische Malerei desavouiert, sie wurde durch die Verwendung von Feuer, Wasser, Luft, Bewegung ersetzt. Christo verpackte sein erstes Gebäude, Yves Klein ließ nackte Tänzerinnen blaue Farbe auf der Leinwand verteilen.

Noch immer verfolgt Piene eine Vision, das verrät seine Antwort auf die ehrfurchtsvolle Frage nach den heilenden Kräften seiner Kunst. Nein, das sei zu banal, erklärt er da wenig altersmilde. „Mich interessiert Kunst als Überträger von Energie. Warum erfrischt sie uns, warum kommen wir aufgeladen aus dem Museum? Deshalb beschäftige ich mich mit Licht, mit Kinetik.“ Am 19. Juli gibt der Altmeister Berlin noch einen energetischen Schub. Auf dem Dach der Nationalgalerie lässt er ab 20 Uhr 90 Meter hohe aufblasbare Skulpturen schweben. Eine Stadt hebt ab.

Lichtausstellung „The Proliferation of the Sun“ bis 31. August. Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Di–So, 22–3 Uhr, Eintritt frei.
Ausstellung „More Sky“ in der Deutsche Bank Kunsthalle, Unter den Linden 13 / 15, tägl. 10–20 Uhr.
Reprint der Piene-Publikation „More Sky“ (1973): 29,80 €.

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