Kultur : Der fast verrückte Augenblick

Die Londoner National Gallery entdeckt Auguste Renoir als Landschaftsmaler

Nicola Kuhn

Eine kleine Revolution spielt sich hinter den ehrwürdigen Gemäuern der National Gallery am Londoner Trafalgar Square ab. Doch so recht bekommt es niemand mit. Mag sein, dass sich nur Experten von diesen umstürzlerischen Aktivitäten erschüttern lassen. Und doch wird an einem Weltbild gekratzt: dem Kanon der impressionistischen Kunst. Zwei Worte genügen dafür und ein Plakatmotiv: „Renoir Landscapes“ steht da geschrieben, vor einem Gewusel aus grünen, braunen, blauen Pinselstrichen. Erst mit zusammengekniffenen Augen erkennt der Betrachter darin eine Licht durchflutete Palmenallee, an deren Ende klitzekleine Fußgänger spazieren, nur Tupfer groß.

Mit dieser Erkennntis kommt auch das große Staunen. Die Londoner National Gallery entdeckt Renoir völlig neu: als Landschaftsmaler, ja als Revoluzzer der Kunst. Wer Renoir bislang allein für den Maler süßlicher Mädchenporträts hielt, lernt ihn hier von einer ganz anderen Seite kennen. Zwar bedient sich das Museum der Zugkraft des wohl bekanntesten Impressionisten (1841 – 1919), doch hat sich der nochmalige Blick auf ein scheinbar ausgeforschtes Feld gelohnt. Nie zuvor hat sich eine Ausstellung allein mit dem Motiv der Landschaft in Renoirs Oeuvre befasst. Der Künstler selbst ließ dieses Genre rigoros hinter sich, nachdem er in den ersten zwanzig Jahren seines Schaffens immer wieder mit der Staffelei in die Natur gegangen war.

Warum es 1883 zum Bruch kam, Renoir bis auf Ausnahmen nur noch Menschen, vornehmlich Akte malte, das beantwortet diese Ausstellung allerdings nicht. Renoir, der Undogmatische, der sich von den verschiedensten Einflüssen inspirieren ließ, verstand sich zeitlebens als Lernender. Vielleicht spürte er dabei das größere Talent für die Figur – die wachsende Nachfrage seiner Sammler bestätigte ihn darin vermutlich umso mehr.

Der Maler, der von sich selber sagte, er versuche das menschliche Wesen wie Früchte zu malen, vermochte diese Sinnlichkeit auch in die Natur zu übertragen. Der Besucher spürt geradezu die Hitze eines Sommertages in dem Bild der „Erntearbeiter“ (1873), er atmet den schweren Duft des Blütenmeeres in Monets Garten in Argenteuil (1873) und will fast seine Augen zusammenkneifen, gegen das blendende Sonnenlicht in der „Ansicht von Bougival“ (1873). Landschaft, das war für Renoir vor allem Experimentiergebiet. Mit jedem Bild wird sein Pinsel freier, bis er sich am Ende fast gen Abstraktion bewegt, wie das 1881 auf einer Algierreise entstandene Plakatmotiv der Ausstellung mit jenem Gewuschel aus Palmblättern zeigt. Sie sind nur noch ein Vorwand für das ungebändigte Spiel aus Licht und Farben. Am Anfang bewegt sich der junge Maler noch tastend durch die Natur. Das zeigt sich deutlich in den parallel mit seinem bewunderten Kollegen Monet entstandenen Gemälden. Gemeinsam verbringen sie den Sommer 1869 in Ville- d’Avray, Seite an Seite malen sie plein-air das beliebte Lokal „La Grenouillère“ mit seinen Sommergästen. Doch wo sich Monet von der Vorlage entfernt, sucht Renoir mit dem Pinsel möglichst viele Lichtreflexe zu erhaschen. Duftig, wie das plissierte weiße Kleid einer jener porträtierten Besucherinnen ergießen sich die Wellen mit ihren vielen Reflexen rund um Kähne, Stege, Inselchen. Hier beginnt sich bereits abzuzeichnen, was in den späteren Bildern zunehmend deutlicher wird: Mensch und Natur verschränken sich immer stärker miteinander. Ob nun der Sonnenschirm einer Spaziergängerin oder eine Blütendolde – beides ist dem Maler gleich viel wert, beides sind nur Elemente einer größeren Komposition.

Diese Freiheit hat sich Renoir in seinen späteren Bildern nicht mehr genommen, die Unbändigkeit des Strichs kaum noch zugelassen, die seine letzten Landschaftsbilder prägt. Ungestüm wie jene Woge, die er gerade malt, bewegt sich der Pinsel in dem Bild „Die Welle“ (1882) über die Leinwand, fährt hoch klatscht auf, verteilt wahllos Spritzer. „Renoir en folie“ hat der Kunsthistoriker Lionello Venturi diesen Moment genannt. Doch der Maler hat ihn nicht weiter ausgekostet, vorangetrieben, sich stattdessen den Schönheiten der Zivilisation zugewandt.

National Gallery, London, bis 20. Mai. Katalog 25 Pfund.

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