Kultur : Der Faszinator

Zum Tode des amerikanischen Schriftstellers Leon Uris

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Als er längst ausgesorgt hatte und sich seiner Millionenauflagen sicher sein konnte, pflegte Leon Uris cool zu bleiben, wenn man auf diese Kritiker ansprach, die ihn immer wieder „Trivialschriftstelller“ nannten. Erstens sei er zu erfolgreich, sagte er dann, zweitens habe er „etwas Geld auf die Seite legen können“, drittens besuche er die falschen CocktailParties. Weltberühmt war Uris durch „Exodus“ geworden, das backsteindicke (später von Otto Preminger verfilmte) Epos von 1957: Der Geschichtsthriller über den Weg der Juden zur Staatsnation wurde sein größter Erfolg. Das Buch erzählt von der Irrfahrt des Schiffes „President Warfield“, das die zionistische Organisation Haganah mit über 4000 Überlebenden aus dem verwüsteten Nachkriegseuropa nach Palästina schickte. Dort werden die Flüchtlinge von der britischen Mandatsverwaltung abgewiesen und gewaltsam in ein Lübecker Lager zurückgebracht. Der zweite Teil des Romans schildert das Schicksal jüdischer Pioniere in Palästina bis zur Staatsgründung Israels 1948. In Rückblenden werden jüdische Biografien eingeblendet und zurückverfolgt bis zu den Pogromen im zaristischen Russland.

„Exodus“ ist das erste populäre Buch über den Holocaust. Uris montiert Reportage, Fakten und Fiktion, weshalb die Kritik ihm pseudohistorische Arbeit vorwirft. Doch gerade dieser Erzähltechnik, seiner Leidenschaft für den politischen Stoff und dem epischen Atem seiner persönlichen Teilnahme gelingt es, das Publikum der 50er, 60er Jahre mit den Katastrophen der jüngsten Vergangenheit – faszinierend – zu konfrontieren. Auch sein düsterer, schrecklicher, spannender Roman „Mila 18“ von 1961, ein Denkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto, gehört zu dieser Chronik des jüdischen Volkes zwischen Vernichtung und Überlebenskampf .

Leon Uris wurde 1924 als Sohn eines jüdischen Tapezieres in Baltimore geboren. Nach dem College trat er in die Marine ein und kämpfte bis Kriegsende im Pazifik. Er begann als Redakteur einer Tageszeitung in San Francisco und verfertigte Kurzgeschichten. Sein Stil blieb zeitlebens journalistisch-dokumentarisch. Mit dem 1953 erschienen Kriegsroman „Battle Cry“ („Urlaub bis zum Wecken“) erreichte er bereits eine Millionenauflage. Der Agentenroman „Topaz“ über die Kuba-Krise von 1967 wurde von Hitchcock verfilmt. Uris schrieb auch einen Roman über den Zusammenbruch und Wiederaufbau Deutschlands: „Armageddon. Entscheidung in Berlin“ (deutsch 1968), der bei der Kritik durchfiel.

Sein letztes Buch mit dem Arbeitstitel „O’ Haras Choice“, sollte vergangenen Oktober erscheinen und konnte aus Krankheitsgründen nicht vollendet werden. Der Historienromancier Leon Uris hat Reißer und Schinken voller Klischees verfasst und dabei Weltgeschichten und ihre Helden glutvoll inszeniert und so das Herz seiner Leser getroffen: ein prosaischer Balladensänger des dramatischen 20. Jahrhunderts. Am Samstag ist er – wie seine Familie jetzt bekannt gab – im Alter von 78 Jahren im Bundesstaat New York gestorben, in seinem Haus auf Shelter Island. mel/tl

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