Kultur : Der Feind auf meinem Podium Eine SOS-Konferenz des deutschen Kunsthandels

Martin Tschechne

Vielleicht war Markus Eisenbeis der mutigste Mann im Saal. Vielleicht hat er sich einfach nur gefreut, vor den Kollegen Kunsthändlern einmal mit gutem Rat glänzen zu können. Die Vereinigung der Kunst- und Antiquitätenhändler, kurz DK (Deutscher Kunsthandelsverband), hatte ihn auf ihren Kongress nach Bamberg geladen. Offensichtlich, um sich mal so richtig die Leviten lesen zu lassen.

Moment mal: Kollegen? Eisenbeis, 38, ist Chef des Kölner Auktionshauses Van Ham, für manchen Händler mit Ladengeschäft und festem Warenbestand so etwas wie der natürliche Feind. Auktionshäuser erobern den Kunstmarkt, tragen kaum finanzielles Risiko, stehen alle naselang mit einer Sensation in der Zeitung, und ihre Preise sind für viele im Saal Einkaufspreise. Kunsthändler dagegen bieten Expertise und Beratung, sie kennen sich aus in den Bedürfnissen ihrer Kunden und liefern jedem Sammler punktgenau das Gewünschte. Fachmännisch restauriert, mit Zertifikat und lupenreiner Provenienz. Aber der Branche geht es schlecht.

Und nun stand also ein Jüngling von der Siegerseite am Rednerpult und erzählte den fast durchwegs eine Generation älteren Verbandsfunktionären, was sie falsch machten. Deutschland sei groß und wohlhabend, sagte der Auktionator, es verfüge über mehr Museen als irgendein anderes Land in Europa; die Menschen seien gebildet und an Kultur interessiert – aber ihr Geld für Kunstwerke und Antiquitäten geben sie im Ausland aus. In Maastricht. Oder in London, Wien, Paris, New York. Den deutschen Kunsthändlern läuft die Zukunft davon.

Allzu lange haben sie sich auf einen solide gewachsenen Kundenstamm mit verlässlichen Wünschen gestützt, haben die alten Kontakte gepflegt und wenig Anlass gesehen, die Grundlagen des Geschäfts infrage zu stellen. Man telefonierte, sah sich auf einer Messe, traf sich im Geschäft und blieb für sich, sehr diskret, sehr besorgt, dass andere die Beziehung stören könnten. Es lief ja lange gut. Aber plötzlich fragt keiner mehr nach Zinntellern und Fayencen, altes Glas tut sich schwer, Keramik und Bauernmöbel bleiben im Lager liegen.

„Sie müssen neue Themen anbieten!“, rief Eisenbeis. Welcher 30- oder 40-Jährige, der nun ein bisschen Luxus ins Auge fassen möchte, fährt in eine kahle Messehalle vor der Stadt, wenn er dort nicht etwas sieht, was ihn interessiert? Armbanduhren etwa. Oder Design. Schmuck, alte Plakate, warum nicht sogar Oldtimer? Jeder Manager eines Einkaufszentrums weiß, dass neben der Edelparfümerie auch ein Zeitungskiosk zur Mischung gehört, sonst bleiben die Leute zu Hause. Gilt Ähnliches nicht für Kunstmessen?

Da bat Axel Schlapka ums Wort. Der Antiquitätenhändler aus München, Spezialist für Möbel der Biedermeier-Zeit, berichtete von seinen Erfahrungen im Internet. Er zeigt dort, was er hat, in schönen Fotos mit allen Details, auch Preisen, und hat mittlerweile ordentlichen Erfolg damit. Wo da die Vertrauensbasis bleibe, fragten die skeptischen Kollegen. Das Menschliche? Die fachkundige Beratung? Schlapka winkte ab: Wer etwas unter www.schlapka.de gesehen habe und sich ernsthaft interessiere, der stehe doch am nächsten Tag bei ihm im Laden.

„Sie müssen sich eine Plattform im Internet schaffen“, pflichtete Eisenbeis ihm bei. Für seine Kollegen aus dem Kunsthandel vielleicht die wichtigste, sicherlich die eiligste Lektion. Ein gemeinsames Leitsystem, das Kunden an die begehrten Objekte und damit an die Händler führt. „What are you looking for?“, wonach suchen Sie? fragt die CINOA, der internationale Verband der Kunst- und Antiquitätenhändler, auf ihrer Homepage und leitet ohne Umschweife zu einer Auswahl schöner Stücke aus dem Angebot verschiedener Verbandsmitglieder. Immerhin. Was ist auf der Seite www.deutscherkunsthandel.com zu finden? Termine, die Satzung, der Vorstand. Kein einziges Objekt, keine Porzellanfigur, keine Barock-Kommode. Eisenbeis mochte es nicht glauben: „Dabei handeln Sie mit so sinnlichen Sachen!“

Von Patrick Kovacs aus Wien wäre nun noch zu berichten. Er habe vier Töchter, sagte der Fachhändler für Möbel der Wiener Moderne. Er habe auch eine schön gestaltete Homepage und viele Ideen, wie er das Vertrauen neuer Sammler gewinnen könne. Nur eine Vision, dass es nach seiner Zeit noch einen Kunsthandel Kovacs geben könnte – die habe er bis dato nicht gehabt. Jetzt sei er nachdenklich geworden: Vielleicht könne doch eine der Töchter das Geschäft übernehmen.

Dr. Martin Tschechne ist Chefredakteur der Zeitschrift „Weltkunst“.

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