DER feine UNTERSCHIED : Ernie oder Bert

Christiane Peitz eröffnet unsere Sommerserie mit einer Liebeserklärung

Christiane Peitz

Der eine macht Terror, der andere mahnt zur Ordnung. Der eine will Rambazamba, der andere Ruhe. Der eine veranstaltet gewaltiges Chaos, der andere räumt hinterher. Der eine sammelt Eiswürfel und Kumpels, der andere Büroklammern und Kronkorken. Ernies Lieblingszahl ist 8.243.721, Bert bevorzugt die 6. Der eine hat ein knalloranges Honigkuchengesicht, der andere einen gelben Eierkopf mit strengstmöglich hochgezogenen Augenbrauen. Der eine lümmelt und quatscht, der andere liest und schweigt.

Sie leben zusammen seit Menschengedenken, der Störenfried und der Stoiker. Als Ernie mal wieder nicht einschlafen kann, nervt er Bert sogar, obwohl sein bester Freund gar nicht da ist. Ruft an, um ihm zu sagen, dass er Durst hat und deshalb nicht einschlafen kann. Ruft wieder an, damit er auch beim Schäfchenzählen Gesellschaft hat, legt den Hörer nicht auf und fragt: „Was meinst du damit: immer ich?“

Also, Ernie oder Bert? Das ist die Kernfrage für jeden Kulturschaffenden. U oder E, Pop oder Klassik, Entertainment oder Erkenntnis, Party oder Philosophie, Brot oder Spiele. Das ist die Qual der Wahl, seit es Musik gibt, Bilder, Bühnen, Literatur und Feuilletonseiten. Ernie und Bert, die schwule WG aus der „Sesamstraße“, dieses ganz große Liebespaar hat sie längst beantwortet. Sie sind ihre liebsten Gegenteile, sie können nicht ohne einander. Also spielen sie das ewige Vexierspiel zwischen „leicht“ und „schwer“. Ich nehme die Feder, du kriegst den Fels. Ich nehme das große Stück Kuchen, schließlich würdest du ja das kleine nehmen, wenn du den Kuchen verteiltest. Herr oder Knecht, Schüler oder Lehrer, Mutter oder Kind, Mann oder Frau, Sado oder Maso: Wer liebt, tauscht die Rolle. Immer nur ich, aber nicht ohne dich. Die Logik der Liebe motiviert Ernies Endlostiraden und Berts Engelsgeduld. Alleinsein ist schlimmer als Durst und das Telefon unser Lieblingsrequisit. Als Ernie endlich begreift, dass er in seinem Bett keine Kekse essen soll, isst er die Kekse eben in Berts Bett. Gehen wir zu dir oder zu mir. Vielleicht hat Bert seinen Freund ja deshalb vor Krümeln gewarnt.

Nächste Folge: Christiane Tewinkel über Kastrat oder Counter.

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