DER feine UNTERSCHIED : Rechts oder links

Jens Mühling verliert die politische Orientierung

Jens Mühling

Man kennt sich ja gar nicht mehr aus in diesem großkoalitionären Nebel. Angela Merkel zum Beispiel: Die will jetzt beim Debattieren über das Grundsatzprogramm der CDU die Frage klären lassen, was es heißt, „im 21. Jahrhundert konservativ zu sein“. Hätte man sich das nicht besser im 20. Jahrhundert überlegt? Und wenn man nicht mal weiß, auf welcher Seite einer Zeitenschwelle man steht – wie will man dann die wirklich wichtigen Richtungsfragen klären? Wie werden wir heute, wie werden wir künftig regiert? Mehr von rechts, mehr von links? Mehr schlecht als recht? Unbestimmt mittig – oder exakt mittelgut?

Rechts oder links. Bis vor gar nicht langer Zeit war das so etwas wie die Mutter aller gesellschaftlichen Unterschiede – obwohl das Begriffspaar ursprünglich nur durch einen feinen Unterschied in der Sitzordnung der französischen Nationalversammlung geprägt wurde. Am 28. August 1789 entzweiten sich die Abgeordneten über der Frage, ob der König ein Vetorecht gegen Parlamentsbeschlüsse haben sollte. Die königstreuen Befürworter sammelten sich rechts vom Vorsitzenden, die jakobinischen Vetogegner links. Das reichte aus, um Konservative und revolutionär Gesonnene fortan mit den immer gleichen Richtungsangaben zu versehen.

Was aber wäre gewesen, wenn die französischen Abgeordneten sich seinerzeit andersherum um den Vorsitzenden gruppiert hätten – wenn rechts heute links hieße und rinks lechts, pardon: links rechts? Undenkbar wäre das. Nicht mal theoretisch lässt sich unser politisches Koordinatensystem umstülpen – weil seine Begriffe schon rein sprachlich Partei ergreifen. Hieße rechts links, dann käme dem konservativen Lager seine Rechtschaffenheit abhanden, auch verlöre es seine natürliche Nähe zum Rechtsstaat – und damit das Gewohnheitsrecht, beim Bürger ab und an nach dem Rechten zu schauen. Auch die rhetorische Diffamierung des Gegenlagers fiele schwerer: Dass linker Regierungsausübung mitunter etwas Linkisches anhaftet, dass linke Gesinnung gar link daherkommen kann, all das ergäbe keinen Sinn mehr.

Unterliegt also Ernst Jandl einem Illtum, wenn er links und rechts, lechts und rinks für austauschbar erklärt? Hat vielmehr Brecht recht, der linke Brecht? „Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront / Weil auch du ein Arbeiter bist“, dichtete der 1934 – und machte sich seinen eigenen Reim auf die richtige Lichtung: „Drum links zwo drei / Drum links zwo drei / Wo dein Platz, Genosse, ist.“

Wo aber ist Ihr Platz, Frau Merkel? Lichten Sie den Nebel!

Zuletzt erschien in unserer Sommerserie: „Bordeaux oder Burgunder“.

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