DER feine UNTERSCHIED : Zu mir oder zu dir

Jan Schulz-Ojala stellt die Frage aller Fragen

Jan Schulz-Ojala

Sorry, für Eheleute und gemeinsam wohnende anderweitige Lebensabschnittsgefährten ist hier heute nix dabei. Sie können, wenn es sie fremdgängerisch juckt, die Frage aller Fragen nicht stellen. Ehebrecher haben nichts, wohin sie einladen können. Ehebrecher haben kein Zuhause, Ehebrecher sind obdachlos. Ehebrecher buchen heimlich Zimmer 17 im Hotel Terminus, Boulevard de la Gare: an der Rezeption bitte klingeln.

Aber Singles. Alle Noch-Singles müssen sich entscheiden, wenn sie verzweisamen in der Nacht. Und alle Wieder-Singles. Und die Zwischendurch-Singles und die Sowieso-Singles sowieso: Wenn sie sich finden untern Linden oder an der Bar, wenn ihnen zu heiß wird auf der Tanzfläche oder im Wald zu kalt, wenn Caipi auf Caipi folgt und die schönen Augen da vor deinen Augen mit dem Funkeln gar nicht mehr aufhören wollen, dann muss die Antwort auf die Frage aller Fragen her. Und zwar schnell.

Sicher gibt es Vernunftgründe. Zu dir ist es näher. Bei mir steht grundsätzlich Champagner im Kühlschrank. Du hast eine Katze, die gefüttert werden will. Ich habe aufgeräumt. Du wohnst in Tempelhof, mein Flieger geht um acht. Ich hab das schmalere Bett. Du willst mir deine Briefmarken-, pardon: deine Bierdeckel-, pardon: natürlich deine Beach-Boys- DVD-Sammlung zeigen.

Tatsächlich aber entscheiden Temperamente. Es gibt die Eroberer und die Abschlepperinnen, die Eroberinnen und die Abschlepper, und nur wenn das passt, passt es auch. Wer abschleppt, blüht erst auf mit der Beute im Bau. Wer lieber erobert, wird erst stark auf fremdem Terrain. Hier die Schlange Kaa, die ihre Opfer im Kreis ihrer Kuscheltiere verhext, dort Superman oder Catwoman oder sogar Dracula. Und die Risiken? Wer abschleppt, kann nicht fliehen. Wer erobert, fliegt – es ist die Lerche und nicht die Nachtigall – schon mal raus.

Vor allem aber: Wer abschleppt, beweist den eigentlichen Todesmut. Denn nirgends ist der Mensch nackter als in den eigenen vier Wänden, ja, nackter als nackt. Also: Willst du wirklich zwischen schwarzen Satin schlüpfen, betrachtet von Terminator-Arnold hinter Glas? Will ich unter deine Patchworkdecke? Geht das überhaupt: Sex hinter deinem Garfield-Duschvorhang – und wie trinkt es sich erst aus meinen Hertinho-Kaffeepötten am Morgen danach? Liebe ist, wenn das alles nicht zählt, aber wer spricht jetzt schon von Liebe.

Ach, diese glücklich Verheirateten: Immer noch lesen welche hier heimlich mit, schüchtern sehnsüchtig nach der Qual der Wahl. Kleiner Tipp: getrennte Schlafzimmer. Und dann die Frage aller Fragen flöten.

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