Kultur : Der Feldwebel tanzt

TANZ

Sandra Luzina

Die Anweisungen, denen die sechs Tänzer Folge leisten, erweisen sich als Exerzierkommandos. Die Figur des Tanzmeisters und des Feldwebels überlagern sich in dem Tanzstück „Hinter den Linien“. Der Choreograf Christoph Winkler untersucht in seinem neuen Stück die Verbindungen zwischen Krieg und Kultur, er hat nicht nur ein beeindruckendes Lektürepensum absolviert, sondern auch die eigene Diszplin, den Tanz, auf seine kriegerischen Implikationen befragt (Theater am Halleschen Ufer, nochmals Sonntag, 20 Uhr). Der Barock ist der historische Moment, wo sich Tanz und Militär gegenseitig durchdringen. Diese in der Fachliteratur hinlänglich durchdeklinierte These nimmt Winkler zur Grundlage eines Tanzabends, der über die Geometrisierung des Leibes in der Neuzeit aufklärt.

Eine Schlachtbeschreibung aus dem 17. Jahrhundert wird von Winkler als Choreografie gelesen. Doch der historische Anachronismus paart sich hier mit der ästhetischen Harmlosigkeit. Dass Krieg immer auch Inszenierung, also Kriegstheater ist, wurde in zahlreichen Filmen schon eindrucksvoll demonstriert. Winkler zielt auf den Umkehrschluss: dass der Krieg im eignenen Körper beginnt, da wo er einer (Macht-)Technik unterworfen wird. So unterwirft er sein Corps nicht nur einem strikten Reglement, die Darsteller-Rekruten müssen in Ausübung ihrer tänzerischen Pflichten auch regelmäßig zu Boden fallen und stürzen – ein ausgemachtes Tänzersterben!

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