Kultur : Der Feuerwehrmann

Wie geht es weiter mit der Berliner Klassik-Holding ROC? Intendant Gernot Rehrl nimmt nach fünf Jahren seinen Hut

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Organisator. Gernot Rehrl auf dem Dach seines (Noch-)Büros.Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Organisator. Gernot Rehrl auf dem Dach seines (Noch-)Büros.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Beim Abschied wird er leise Servus sagen. Schließlich ist Gernot Rehrl bekennender Franke. Und er wird damit im klassischen Wortsinn Recht haben: Denn als Servus, als ergebener Diener, hat er in den vergangenen fünf Jahren seinen Intendantenjob bei der Berliner „Rundfunkorchester und -chöre GmbH“ (ROC) versehen. Am 31. August schließt Rehrl nun die Bürotür in der Charlottenstraße hinter sich, so geräuschlos, wie er auch seine Arbeit gemacht hat.

Es war keine leichte Zeit für den 1955 geborenen Bamberger, der zuvor unter anderem den Windsbacher Knabenchor und das Münchner Rundfunkorchester managte. Einerseits soll der ROC-Chef für die Belange jedes einzelnen der vier Weltklasse-Ensembles kämpfen – den RIAS Kammerchor, das Rundfunk-Sinfonieorchester, das Deutsche Symphonie-Orchester und den Rundfunkchor –, die alle stolz auf ihre künstlerischen Profile sind. Gleichzeitig aber soll er die Musik-Holding nach außen als Ganzes sichtbar machen, so wünschen es die Geldgeber, der Bund und das Land Berlin, das Deutschlandradio und der RBB. Ein kaum zu bewältigender Spagat.

Dennoch kann sich Gernot Rehrls Bilanz sehen lassen: Betriebswirtschaftlich steht die – seit ihrer Gründung 1994 stets am finanziellen Limit arbeitende – ROC bis zum Jahresende 2014 solide da. Die Verträge aller vier Chefdirigenten haben sogar eine Laufzeit bis Sommer 2016. Was gerade im Fall von Tugan Sohkiev, dem designierten Chefdirigenten des DSO, erstaunlich ist. Dass es überhaupt zu einem Engagement des Stars aus Südossetien kam, war nach dem 4. Dezember 2009 nämlich alles andere als sicher.

An diesem Tag fährt Willi Steul seine erste Attacke gegen die ROC. Gerade erst zum Leiter des nationalen Doppelsenders Deutschlandradio ernannt, schockiert Steul die Kulturszene mit dem Plan, das DSO und das RSB aus Spargründen zu fusionieren. Ein Versuch Steuls, sich gegenüber seinem Vorgänger, dem ROC-Mitbegründer Ernst Elitz, zu profilieren. Ausgerechnet zwei Tage vor den offiziellen Feierlichkeiten zum 15. Gründungsjubiläum der Holding beim damaligen Bundespräsidenten. Horst Köhler, der gerade in Rom zum Papstbesuch weilt, hört von dem Vorschlag auf dem Rückflug. Was sollte Rehrl antworten, als er vom Staatsoberhaupt um eine Erklärung gebeten wird? Die Matinee im Schloss Bellevue findet wie geplant statt. Aber zum Feiern ist niemandem zumute.

Von da an ist Rehrls Rolle die des Feuerwehrmanns, der vor allem die verschreckten Musiker beruhigen muss. Zwar bekennen sich die drei übrigen Gesellschafter demonstrativ zur ROC, doch Willi Steul setzt seine Angriffe fort, erklärt, sein Sender werde nach der Neuordnung der Rundfunkgebühren 2013 seinen Finanzierungsanteil definitiv senken müssen. Was laut Statut auch die übrigen Geldgeber dazu zwingen würde, ihre Summen im gleichen Maß zu reduzieren. Das wiederum führt dazu, dass im Bundestag eine Haushaltssperre über die Bundesmittel für die ROC verhängt wird. Gutachten werden in Auftrag gegeben, externe Firmen rechnen alle möglichen Umstrukturierungen durch. Aber sie kommen immer wieder zu dem Ergebnis, dass die derzeitige Organisationsform der ROC beispiellos günstig ist. Gemessen an der Zahl der fest angestellten Künstler kommt keine staatliche Kulturinstitution in Deutschland mit einem so schlanken Verwaltungsapparat aus.

Noch haben die Gesellschafter keine Entscheidung für die Zukunft getroffen. Selbst wenn es zum Schlimmsten kommen sollte, könnte die ROC noch zwei Jahre aus eigener Kraft überleben. Dank der Rücklagen, die alle Ensembles gebildet haben, weil sie nicht nur „wirtschaftlich phänomenal“ arbeiten, wie Rehrl lobt, sondern auch allesamt steigende Publikumszahlen vorweisen können.

All die schönen Projekte, die der Intendant in seinen ersten drei Amtsjahren angeschoben hatte, wurden vom hässlichen Gerangel um die Finanzierung nach dem schwarzen Dezember 2009 wieder zunichte gemacht. Weil ihm vor lauter Krisenmanagement einfach keine Zeit mehr blieb für die Kunst. Dabei hatten etwa die „KlangBilder“ viele Leute begeistert, eine Konzertreihe in der Gemäldegalerie am Kulturforum, bei der zunächst ein Kunstgeschichtler ein Bild interpretierte, bevor eine passende Musik dazu erklang. Das unter dem Titel „KlasseKlänge“ gestartete Education-Projekt der ROC wird immerhin von den einzelnen Ensembles in Eigenregie weitergeführt, ebenso wie die interkulturelle Reihe „KlangKulturen“. Die Idee, für Manager kulturelle Komplettpakete mit Gesprächsforum, Abendessen und Konzert zu schnüren, musste ganz aufgegeben werden.

Die bitterste Erkenntnis aus den fünf Jahren bei der ROC lautet für Gernot Rehrl: Hier ist an der Spitze kein künstlerisch denkender Kopf gefragt, sondern ein Betriebswirt, ein Organisator, der rechnen kann. In diesem Sinne wird man nun wohl auch seine Nachfolge lösen. Erst einmal springt ein alter Hase ein, Heinz-Dieter Sense, der eigentlich längst pensionierte Verwaltungsdirektor der Deutschen Oper. Gernot Rehrl will bei seinem nächsten Job auf jeden Fall wieder mehr programmatisch arbeiten können. Spruchreif ist derzeit noch nichts. Doch auch wenn er die Stadt wechseln sollte, wird die Verbindung zu Berlin nicht gleich abreißen: Sein Sohn Tristan ist gerade als Regiestudent an der Hanns-Eisler-Hochschule angenommen worden.

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