Der Film "Elementarteilchen" von Oskar Roehler : So etwas wie Seele

In „Elementarteilchen“ geht es um Einsamkeit, Älterwerden, Liebe – und dann erst um Sex

Jan Schulz-Ojala

Merkwürdig, wie die spekulative Lust am Spektakulären immer wieder die Beschäftigung mit dem Werk Michel Houellebecqs verstellt. Skandalromane nennt man seine Bücher, allen voran seinen 1998 erschienenen Weltbestseller „Elementarteilchen“ – dabei sind sie bevölkert von eher unauffälligen, seelisch geschädigten Eigenbrötlern, die mit Ach und Krach durchs Leben gehen. Der scharfe Blick, mit dem diese desillusionierten Glückssucher die Oberflächenreize der Welt analysieren, hat Houellebecq oft den Vorwurf des Zynismus eingehandelt; wobei gerne übersehen wird, dass sie die Waffe ihrer Wahrnehmung ebenso schonungslos gegen sich selbst richten. Aber was, wenn sie bei ihren kühlen Sondierungsgängen in die Labyrinthe der Lebenslust auch Sextourismus oder Swingerclubs nicht auslassen? Dann wird eben Skandal geschrien, mit den handelsüblichen Folgen.

Da mag es logisch erscheinen, zwecks erstmaliger Verfilmung von „Elementarteilchen“ jemanden zu beauftragen, der schon mehrfach Sinn fürs Schrille, Überhitzte und Extreme bewiesen hat. Doch das Missverständnis wird nicht verdoppelt, im Gegenteil. Erste Sensation: Oskar Roehler hat den unspektakulären Houellebecq nach eigenem Drehbuch äußerst sorgfältig, mithin unspektakulär ins Bild gesetzt. Dort wo Houellebecq – etwa in naturwissenschaftlichen Exkursen oder der Satire auf die Selbsterfahrungsindustrie – mal dröge, mal munter ins Schwafeln kommt, hat Roehler diszipliniert gestrichen; wo wiederum sexuelle Schlüsselreize die Romanhandlung illustrieren, inszeniert er sie exakt, ohne sie visuell auszubeuten; und für die notwendigen Rückblenden des auf verschiedenen Zeitebenen hin und her springenden Geschehens findet er immer wieder hinreißende, fast auf Traumbilder reduzierte Szenen. Zweite Sensation: Der souveräne Umgang mit dem schwierigen Material bereitet den Boden für zwei der schönsten, melancholischsten, gebrochensten Skizzen der Liebe, die man seit langem im Kino hat sehen können.

Ja, es sind zwei. Und es sind nur Skizzen, aber was für welche. Denn die beiden Halbbrüder Michael (Christian Ulmen) und Bruno (Moritz Bleibtreu) finden nicht gerade früh im Leben die Liebe, die sie nie so richtig auf der Rechnung hatten. Der Molekularbiologe Michael forscht über die Erhaltung des Menschengeschlechts, ohne dass dafür noch Sex nötig wäre – und lebt selber ohne Sex. Nun begegnet er nach Jahrzehnten Annabelle (Franka Potente) wieder, die einst still und glühend in ihren so spröden Schulkameraden verliebt war. Der Lehrer Bruno wiederum, verkrachter Ehemann und Vater, flüchtet vor der blühenden Unwiderstehlichkeit seiner Schülerinnen und der eigenen Sexualnot zeitweise in die Psychiatrie – und lernt in einem esoterischen Feriencamp Christiane (Martina Gedeck) kennen. Auch sie hatte alle Hoffnung auf Glück jenseits des puren Tantra-Mantra-Tralala aufgegeben.

Wie da wieder, sehr vorsichtig, Leben kommt in vier Menschen, die auf ihre Weise mit sich selbst abgeschlossen hatten: Roehler erzählt das ebenso ökonomisch wie faszinierend. Die beiden Brüder sind ja nicht Narziss und Goldmund, Kopf- und Lustmensch, als die sie schon bei der Rezeption des Houellebecq-Romans immer wieder charakterisiert wurden, sondern Seelenkrüppel aus einem Fleisch: Die lebenslustige Mama hatte sie schon früh in Internate und zu Großmüttern abgeschoben. Es ist eine grässlich klaglose Einsamkeit, die das Leben der erwachsen gewordenen Männer regiert – und nun sind es zwei Frauen, die sie auf ihre Weise auflösen, indem sie ihre eigene Einsamkeit danebenstellen. Im Eingeständnis eigener Schwäche erst bricht sich die monomanisch- monologische Struktur des Geschehens. Die Liebe macht, dass die Menschen miteinander zu sprechen wagen – dass sie dann auch Liebe machen, ist fast Nebensache.

Die Figuren Michel Houellebecqs sind jenseits der vierzig – im richtigen Alter für die ausfermentierte Desillusion und die erste Aussicht auf körperlichen Verfall. Roehler hat es riskiert, die meisten Rollen mit Anfangdreißigern zu besetzen, was bei dem sympathischen, milchgesichtigen Christian Ulmen weniger gut und bei Moritz Bleibtreu weitaus besser funktioniert, der den verlorenen Klemmi aus Roehlers „Agnes und seine Brüder“ überzeugend weiterentwickelt. Erst die Frauen aber geben dem Film jene herzzerreißende Vergeblichkeitstiefe, die auf den Grund der Houellebecqschen Weltwahrnehmung führt: Franka Potente als wächserne Schöne mit kaum retuschierbar bitteren Zügen und – dritte Sensation dieses Films – eine umwerfende Martina Gedeck, verlebt und ungeheuer lebenshungrig zugleich. Nicht dass die älteste dieses Liebesquartetts ihren kleinen Vorsprung an Jahren grob ausspielen würde; wir fühlen ihn nur, in jeder Sekunde.

Der Mensch ist eine von der Evolution überholte, dennoch zähe und deshalb anrührende Spezies: Roehler transponiert dieses Credo Houellebecqs wie traumwandlerisch bis in die Großaufnahmen, mit denen die Kamera die Gesichter ausforscht – seltsam changierende Oberflächenstrukturen sind das, durchpulst von so etwas wie Seele. Mit „Elementarteilchen“ findet er, nach hochtourigen Abstechern in Ehe- und Familienhöllen („Der alte Affe Angst“, „Agnes und seine Brüder“), zu jener Stringenz des Erzählens zurück, die schon den familienbiografischen Geniestreich „Die Unberührbare“ auszeichnete. Nur der Schluss seiner bravourösen Premiere im Genre der Literaturverfilmung mag Houellebecq-Leser ein wenig befremden, da das Geschehen sich ins leicht überbelichtet Sonnige wendet. „Ich will dem Publikum Freude und Mut machen und auch ein bisschen Kraft geben“, verrät der 47-Jährige im Presseheft. Roehler altersmilde? Das wäre denn doch spektakulär.

Heute 9.30 und 21 Uhr (Urania), 19. 2., 23.30 Uhr (International)

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