• Der finnische Regisseur Mika Kaurismäki über die Hassliebe zu Hollywood und seinen neuen doppelt autobiografischen Film

Kultur : Der finnische Regisseur Mika Kaurismäki über die Hassliebe zu Hollywood und seinen neuen doppelt autobiografischen Film

"L.A. Without A Map" scheint im Gegensatz zu Ihrem

"L.A. Without A Map" scheint im Gegensatz zu Ihrem ersten US-Film, "Condition Red", leicht und beschwingt . . .

"L.A." ist optimistischer, mit viel Humor. Doch beiden Filmen ist eine "boy meets girl"-Geschichte gemeinsam - übrigens auch meinem nächsten, bereits abgedrehten, "Highway Society". Ausgangspunkt aller drei Stories ist Liebe auf den ersten Blick.

Wie sind Sie auf den autobiografischen Roman gestoßen, der dem Film zugrunde liegt?

Richard Rayners Erfahrungsbericht als Europäer in Hollywood ist 1988 erschienen, ich las ihn schon damals. Die Rechte waren aber bis 1995 vergeben. Ein sehr episodenhafter Roman, ohne geradlinige Handlung. Richard und ich haben gemeinsam eine Film-Story entwickelt und 16 verschiedene Versionen geschrieben. Ich wollte schon immer einen Film über diese Stadt drehen.

Sind Sie dem Mythos Hollywood verfallen?

Nun, er manipuliert unser aller Leben schon beträchtlich. Es ist ein magischer Ort, mit dem mich eine Art Hassliebe verbindet.

War Ihr Hauptdarsteller David Tennant - genauso wie seine Figur - bei den Dreharbeiten das erste Mal in Los Angeles?

Das war mir sehr wichtig. Überhaupt habe ich bei Darstellern und Crew bewusst viele Europäer ausgewählt. Ich hätte den Film mit amerikanischem Geld und einem größeren Budget machen können. Dann aber wäre von dem Kulturschock, den Richard erleiden muss, nichts übrig geblieben.

Und als Sie sebst das erste Mal dort waren?

Das muss etwa Mitte der 80er Jahre gewesen sein. Das Buch später bestätigte meine Erfahrungen. Ich entsinne mich, dass ich zu Fuß unterwegs war und von der Polizei angehalten wurde. Die konnten sich nicht vorstellen, dass jemand freiwillig zu Fuß geht.

Alle Figuren im Film sind Englisch spachig, und doch scheint man verschiedene Sprachen zu sprechen . . .

das treibt die kulturellen Unterschiede noch feiner heraus. Richard ist Schotte. Wenn ein Schotte nach L.A. kommt, dann führt das zu Verständigungsschwierigkeiten, die auch auf verschiedenen kulturellen Erfahrungen beruhen. Moss zum Beispiel lebt in South Central und spricht verklausulierten Slang.

Moss ist wohl die witzigste Figur des Films, ein typischer Slacker. Wie lernte Vincent Gallo diesen typischen Straßenslang?

Vincent wollte bei dem Projekt unbedingt dabei sein. Er braucht sehr viel Aufmerksamkeit und Liebe; wenn man ihm das alles gibt, bekommt man auch sehr viel zurück. So haben wir uns vor Drehbeginn eine Zeitlang auf den Straßen herumgetrieben, den Leuten zugehört und dann gemeinsam den Charakter von Moss entwickelt.

Wie sind Sie auf Julie Delpy gekommen?

Ganz einfach. Ich habe sie in Cannes auf der Straße gesehen und sofort angesprochen. Sie hat gleich zugesagt, ohne dass sie das Drehbuch gelesen hatte.

Richard und Barbara wollen in Las Vegas heiraten. Sie haben selbst während der Dreharbeiten die Regisseurin Pia Tikka geheiratet.

Wir haben die Situation genutzt, billig heiraten zu können. Geplant war das nicht, es passte aber gut in unser Low Budget-Konzept. Das ganze Team hat mitgefeiert.

Bei der ersten Liebesszene zwischen Richard und Barbara überblenden Sie zur Wasserfontäne vor dem "Mirage"-Hotel . . .

ein klassischer Weg, die körperliche Liebe darzustellen. Es wimmelt in der Filmgeschichte an Beispielen dafür, wie man den Geschlechtsakt ausdrücken kann, ohne zwei nackte Körper zeigen zu müssen.

" Condition Red" ist Ihre Reminiszenz an den US-Gangsterfilm der dreißiger und vierziger Jahre. Wollten Sie mit "L.A. Without A Map" nun den gesellschaftskritischen Komödien dieser Zeit ein Denkmal setzen?

Ich liebe das klassische Kino. Bei "L.A. Without A Map" habe ich wohl am ehesten an die großen Lubitsch-Komödien gedacht.

Und den Film doch Samuel Fuller gewidmet?

Ich hatte für ihn extra eine Szene geschrieben, leider ist Sam aber kurz vor den Dreharbeiten von uns gegangen. Ich sehe mich in seiner Tradition - als Filmemacher, der seinen eigenen schwierigen Weg gehen muss. Fuller hat sich konsequent dem Studiosystem widersetzt und immer gehofft, seine Projekte verwirklichen zu können.

Ihr Bruder Aki dreht häufig in Finnland. Haben Sie sich von Ihrer Heimat gelöst?

Ich habe seit zehn Jahren nicht mehr in Finnland gedreht und sehe mich auch nicht als finnischer Filmemacher. Ich wollte immer hinaus in die weite Welt, lebe heute in Brasilien und will internationale Filme machen, sogar in Deutschland, wie zuletzt "Highway Society".



Das Gespräch mit Kaurismäki führte Andreas Kötter

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