Kultur : Der Fisch und der Computer

BERNHARD SCHULZ

Wenn die Führungskräfte der DG-Bank in ihrer zukünftigen Berliner Filiale zusammenkommen wollen, werden sie in das Innere einer Muschel steigen.Oder handelt es sich um einen Pferdekopf? Jedenfalls ist dieser Raum im Raum etwas Anderes, als man sich gewöhnlich unter einem Konferenzsaal einer seriösen Bank vorstellt.

Frank O.Gehry hat solche zoomorphen Formen zu einem wiederkehrenden Bestandteil seiner architektonischen Entwürfe entwickelt.Fische vor allem sind es, die ihn zu ausgreifenden Raumfindungen inspirieren.Der Fisch, so hat er gesagt, sei für ihn "zum Symbol einer ganz eigenen Art von Perfektion geworden, die ich bei meinen Gebäuden einfach nicht erreiche."

Eine ganz eigene Perfektion erreichen Gehrys Entwürfe durchaus.Das Gewirr der aufs Papier geworfenen Lineaturen in den Computer zu übertragen und daraus dreidimensionale Räume zu zaubern, hat der aus Kanada gebürtige, seit Jahrzehnten in Kalifornien ansässige Gehry zu unerreichter Kunst vervollkommnet.Ohne dieses technische Hilfsmittel wäre es nicht möglich, die Glasscheiben und Metallplatten zu berechnen, die für hochkomplexe Entwürfe erforderlich sind, wie etwa sein nordspanisches Meisterwerk, das am Flußufer hingelagerte Guggenheim Museum in Bilbao.In Berlin entsteht demgegenüber ein eher konventionelles Gebäude, in dem erst der eingestellte Konferenzraum die ganze Phantasie des Architekten aufblitzen läßt.

Gehry ist ein Spätentwickler innerhalb eines Berufsstandes, dessen Stars sich mittlerweile spätestens zum 50.Geburtstag in den Olymp hochloben lassen.Man mag nicht glauben, daß er heute seinen 70.Geburtstag begeht.Wer nach dem Ausgangspunkt des heutigen Werkes sucht, wird auf das Eigenheim des Architekten stoßen, das gerade einmal zwei Jahrzehnte alt ist, und das mit seinen wuchernden Formen und billigen Materialien einen Wendepunkt markierte.

Ein Eigenheim! So haben manche amerikanische Architektur-Rebellen begonnen.Lange Zeit wurde Gehrys Werk unter "Dekonstruktivismus" rubriziert, ehe sich in den letzten Jahren die unverwechselbare Handschrift des Architekten in einer dichten Folge von ausgeführten Bauten sichtbar ausprägte.Von abgelehnten Entwürfen und unausgeführten Wettbewerbsbeiträgen kann Gehry ein Lied singen; daß es ihm bis heute nicht vergönnt war, die amerikanischste aller Bauaufgaben - den skyscraper - zu bewältigen, obwohl er in einem Falle bereits dicht davor war, wird ihn schmerzen, ungeachtet aller Erfolge im Bau kultureller Einrichtungen.In dieser vielleicht letzten Rückzugsposition von Baukunst hat Gehry herausragende Entwürfe geschaffen; nach einer ganzen Phalanx von Museen beispielsweise die spektakuläre, wie aus Kartonstücken zusammengesetzte Konzerthalle in Los Angeles.Und nicht zuletzt haben sich europäische Bauherren von Gehry begeistern lassen, ob im südbadischen Weil (Vitra Museum), in Paris (American Center), Prag (Versicherungssitz an der Moldau) oder zuletzt in Düsseldorf am alten Rheinhafen.Zahllose Auszeichnungen erhielt Gehry für seine Bauten, darunter bereits 1989 den hochangesehenen Pritzker-Preis.

Es erstaunt, wie organisch Gehrys Bauten wirken, im Inneren zumal, obwohl sie sich doch einem eher zufälligen Zusammentreffen disparater Teile zu verdanken scheinen.Der Fisch gibt einen Hinweis.So wie Schuppen einzelne Teile sind, die gleichwohl ein untrennbares Ganzes bilden, so sind die scheinbar verrutschten, heruntergefallen, übereinander geworfenen Fassaden- und Dachteile an Gehrys Bauten Hinweise für den Betrachter, die Gesamtheit des Gebäudes optisch auseinanderzunehmen und neu zusammenzufügen, jenseits der im rechten Winkel erstarrten Logik von Stütze und Last.Darin liegt naturgemäß auch eine Grenze der Gehryschen Fabulierlust.Denn allenfalls in einer zweckfreien Kleinform wie der gläsernen Skulptur "Stehender Fisch" in Minneapolis lassen sich die Gesetze der Statik über die Grenze der gewöhnlichen Wahrnehmung hinaus überspielen.

Es wäre gleichwohl verfehlt, Gehry als Designer zu schmähen, der das konstruktive Gerüst unter dem Kleid der Fassade versteckt.Eher das Gegenteil trifft zu.Bei den am weitesten entwickelten Entwürfen wie dem Museum in Bilbao verschmolzen Entwurfs- und Konstruktionsprozeß miteinander; die auf dem Monitor dreidimensional dargestellten Formen fügten sich den konstruktiven Möglichkeiten, wie diese umgekehrt über das Mögliche hinausgetrieben wurden.Der Vergleich zu den Raumschöpfern des Spätbarock liegt nahe, wie ihn der Schweizer Architekturhistoriker Kurt W.Foster in dem pünktlich zum Geburtstag erschienenen µuvreverzeichnis zieht.In diesem lange erwarteten, monumentalen Buch verbirgt sich eine weitere Überraschung: wie viele Entwürfe nämlich Gehry erdacht und ausformuliert hat.Daß 90 Seiten den ersten zwanzig Jahren seiner Berufsarbeit gewidmet sind, 430 Seiten aber den zwei Jahrzehnten seit dem Wendepunkt des Wohnhauses im heimischen Santa Monica, kennzeichnet das lange Werden einer neuen Auffassung von Architektur.

Im Überblick über das reiche Werk wird deutlich, wie - ungeachtet ihrer verwandten Erscheinungsweise - die Bauten Gehrys jeweils einzigartige Lösungen darstellen, entwickelt und ungezählte Male im Entwurfsprozeß verändert.Wenn es das amerikanische Ideal ausmacht, auf eigenen Wegen zu gehen und von Grund auf neue Lösungen zu suchen, dann darf Frank Gehry als dessen zeitgenössische Verkörperung gelten, als Pioneer unserer Tage.

Francesco dal Co / Kurt W.Foster / Hadley Soutter Arnold: Frank O.Gehry.Das Gesamtwerk.Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1999.616 S., 1300 Abb., Ln.80 DM.

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