Kultur : Der Flaneur

Zum Tod des Autors und Moderators Wilfried Rott

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Foto: Michael Hanschke,dpaFoto: picture alliance / dpa

Die aktuelle Premiere in der Schaubühne? Hatte er besucht. Die aufsehenerregende Ausstellung in der Nationalgalerie? Längst gesehen. Die jüngst erschienene Berlinense? Schon gelesen. Wilfried Rott war immer hautnah dran an der Kultur in (West-)Berlin, mehr noch, Wilfried Rott war Teil davon. Das darf von einem, der von 1977 bis 2008 im Fernsehen von SFB und RBB Programme wie „Ticket“ oder „Berliner Ansichten“ moderierte und zuletzt als Abteilungsleiter „Kultur aktuell“ verantwortete, auch erwartet werden. Rott aber lebte Kultur, er war durchdrungen davon, für ihn war sie Atemluft, die Signatur einer Zivilisation, ihres Standes und Zustandes.

Sein Publikum, die Leser seiner urbanen Zeitungskolumne „Professor Rott geht durch die Stadt...“ hat der Kultur-Flaneur das nicht spüren lassen. Der gebürtige Wiener war fern von Katheder-Dozentur, dieser Bildungsbürger wollte zu den ästhetischen Genüssen verführen. Er bot, um mit Heinrich Heine zu sprechen, den Fernsehzuschauern das „Entreebillett“ in die Berliner Kultur an. Sein Trick war sein so einschmeichelnder Tonfall, sein Temperament war auf Überwältigung aus, seine Waffe war der Schmäh seiner Geburtsstadt. Rott war reizend wie reizbar, er streute subtile Spitzen in seine Rede und in seine Texte. Pointiert formuliert, lebemännisch und meinungsscharf waren sie sowieso.

Dem TV-Moderator waren der Kolumnist und der Buchautor gleichgestellt. Gar nichts hatte Rott gegen die „Eitelkeitsmaschine“ Fernsehen, zugleich war ihm die Flüchtigkeit des Mediums bewusst. Also schrieb Rott „Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins. 1948 – 1990“ oder „Sachs. Unternehmer, Playboys, Millionäre“. Die Biographie seiner Wahlheimat und die Biographie einer deutschen Industriellen-Familie mit Nazi-Verstrickung – ist das ziellos, wahllos? Nicht bei einem stets neugierigen Journalisten, dem die Welt weit mehr war als die Hege und Pflege der eigenen Kräuter-Kultur.

Am Freitag ist Wilfried Rott gestorben, mit 68 Jahren. jbh

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