Kultur : Der flexible Urbanist

VANESSA MÜLLER

Er entwarf Möbel, Vasen, Sanatorien, Wohnhäuser, Kirchen, Museen.Zwar scheint die Individualität seines Formenvokabulars epigonale Nachbauten zu verhindern, sein Umgang mit Materialien und seine Raumkompositionen jedoch wurden stilbildend.In diesem Jahr wäre Alvar Aalto, der Architekt mit dem Hang zur geschwungenen Form, hundert Jahre alt geworden; auch sein wichtigster Bau außerhalb Finnlands, das Aalto-Theater in Essen, hat zehnjähriges Bestehen.Das Design Zentrum Nordrhein-Westfalen ehrt den Freund der sanften Wellenlinie deshalb zur Zeit mit der Ausstellung "Alvar Aalto in Seven Buildings", die an exemplarischen Bauten aus verschiedenen Schaffensperioden den ganzheitlichen Gestaltungsgedanken Aaltos in Fotos, Skizzen, Modellen illustriert.Auch ein Symposium widmete sich seinem Werk.Zum Festkonzert in der Oper, dem Höhepunkt der Feierlichkeiten, kamen Finnlands Präsident Martti Ahtisaari, Bundespräsident Herzog sowie sein Vorgänger von Weizsäcker, der vor zehn Jahren die Eröffnung vorgenommen hatte.Für Finnland ist Aaltos Architektur nach wie vor wichtiges Kulturgut, für die Stadt Essen eine Trumpfkarte im Poker um die Standortvorteile im "Kulturgebiet" an der Ruhr.Da darf Architektur ruhig schon mal in den Dienst kultureller Wirtschaftsförderung treten.

Neben der Düsseldorfer Oper am Rhein gilt die Essener Oper als wichtigstes Haus der Region, das sich über mangelnden Zuschauerzuspruch auch in Rezessions-Zeiten nicht beklagen kann.Philharmonie und Ballett haben eine Spielstätte gefunden, in der zwar nicht das Experiment zu Hause ist, die ihr qualitatives Niveau jedoch zu wahren weiß.Auch die bauliche Hülle des Stararchitekten, die erst mit fast dreißigjähriger Verspätung posthum realisiert wurde, findet mit ihrem 60er Jahre-Retro-Charme breite Akzeptanz in einer Bevölkerung, welche architektonischen Wagnissen sonst eher skeptisch gegenübersteht.Selbst in der Architekturgeschichte der Moderne gilt Aalto als Symphathieträger.Er gehörte zwar zu den Protagonisten des modernen Bauens, ihm fehlt jedoch der Dogmatismus der Prominenten des Modern Style.Im Gegensatz zu Le Corbusier und Mies van der Rohe ist seine Architektur keine gebaute Weltreligion, kein Form gewordener Wille zur Veränderung.Obschon er zu den Funktionalisten zählt, dem Bauhaus wohlwollend gegenüberstand, trägt sein Stil stets das Attribut des Humanen, das ihn als sanften Revolutionär erscheinen läßt, der die Höhenflüge gestalterischen Erfindungsgeistes auf menschlichen Maßstab zurückstutzt.Architektonische Probleme löste er "von Fall zu Fall", nahm eine stilistische Diskontinuität in Kauf, die jedes Gebäude zum einmaligen Entwurf erklärt.Natur und Kultur bildeten für den flexiblen Urbanisten keine Leitdifferenz, sondern die immer wieder neu zu erfindende Synthese.

Aaltos Biomorphismus, der ohne verspielte Romantizismen auskommt, setzt folglich vor allem auf eine exakte situative Einpassung des Baukörpers in die Umgebung.Das Arreal, auf dem die Essener Oper plaziert werden sollte, war deshalb ideal: urbane Stadtlandschaft trifft auf Parklandschaft.Den Wettbewerb für das neue Theater- und Opernhaus gewann er 1959, ein zweiter, dritter Preis wurde gar nicht erst vergeben.Dennoch führte sein Entwurf lange ein lexikalisches Eigenleben, bevor das Theater im Stadtgarten 1988, zwölf Jahre nach seinem Tod, eröffnet werden konnte.Dazwischen stehen zwei Überarbeitungsphasen, die den nötigen Nachweis für die Realisierbarkeit seiner kühnen, klaren Raumphantasien erbrachten, sowie stadtinterne Querelen.Ideen des Essener Entwurfs finden sich auch in der zwischen 1967 und 1975 errichteten Finlandia-Halle in Helsinki wieder, die noch konsequenter das Spiel mit Raumvolumen und asymmetrischem Grundriß vorführt.Am Ende nahm das Drama ein gutes Ende, blieb Aaltos Linie von den ersten, vom Amphitheater in Delphi beeinflußten Skizzen bis zum realisierten Bau erhalten.Vom Grundriß bis zum Entwurf der Klinken sorgte das Allround-Talent für einheitlichen Stil, bis sein Theater mit 1100 Plätzen schließlich durch den Architekten Harald Deilmann und Aaltos Witwe Elissa Aalto errichtet wurde.Seitdem spiegeln sich die Schwingungen der Außenfassade zur Parkseite im Zuschauerraum wider, der sich als asymmetrisches Amphitheater mit gewellter Hinterwand aus Logen und logenartigen Balkonen präsentiert.Durch die dynamische, auf das Bühnengeschehen zentrierte Linienführung sieht der Saal voll aus, selbst wenn er halbleer ist.Die Logenbrüstungen aus weißem Marmor - Natur wird Kultur - erinnern an abstrakte Felsformationen, kühn in das tiefblau gehaltene Auditorium hineinragend.Neben diesem perfekten Raum für Inszenierung schuf Aalto im Foyer den perfekten Raum für die Selbstinszenierung des flanierenden Publikums, mit Bühnen für den Auftritt der Abendroben und Balkonen für den dezenten Voyeur.In Zeiten, in denen Strukturwandel vor allem Image-Aufbesserung meint, kann die Stadt Essen sich freuen, schon 1959 einen Blick für die Visionen des finnischen Perfektionisten gehabt zu haben.Nicht von ungefähr sucht die neue Skyline der Firmensitze aus Stahl und Glas am Bahnhof die Nähe zum Aalto-Theater, das noch manche Baustil-Mode überdauern wird.

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