Kultur : Der fliegende Klangteppich Europa per Express: Eindrücke vom Jazzfest Berlin

Wolf Kampmann
Fulminant. Terje Rypdal und Palle Mikkelborg mit dem Ensemble Zeitkratzer. Foto: DAVIDS
Fulminant. Terje Rypdal und Palle Mikkelborg mit dem Ensemble Zeitkratzer. Foto: DAVIDSFoto: DAVIDS/Huebner

Politisch hat die Euro-Euphorie in den letzten Jahren schwer gelitten, im Jazz hält sie unvermindert an. Zumindest wenn man Nils Landgren, dem künstlerischen Leiter des Jazzfests Berlin glauben darf. Denn der hat „Made In Europe“ zum Motto der aktuellen Ausgabe des Festivals gemacht.

Doch ist dieser Ansatz noch zeitgemäß? Das darf aus zwei Gründen bezweifelt werden. Die Ära der didaktischen Programmschienen ist vorbei. Im Zeitalter der virtuellen Verfügbarkeit jeder nur denkbaren Information braucht man den Jazzhörer nicht mehr an die Hand zu nehmen, es sei denn, man hätte wirklich etwas Neues zu sagen. Hier offenbart sich das zweite Problem. Die Einteilung in lokale, nationale oder gar kontinentale Szenen gehört längst der Vergangenheit an. Musiker tauschen sich im Web aus oder setzen sich in den Billigflieger, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen. Gerade die sich aus aller Herren Länder zusammensetzende Berliner Jazzszene bietet ein gutes Beispiel für die Internationalisierung dieser Musik.

So wirkt der Europa-Zentrismus des Jazzfests zunächst ein wenig bemüht. Aber zum Glück ist alles anders als auf dem Papier. So etwa am Donnerstagabend bei einem echten Ostwest-Dialog, der sich um Europa nicht schert: Der indischstämmige Saxofonist Rudresh Mahanthappa aus New York trifft sich mit dem indischen Saxofonisten Kadri Gopalnath aus Mangalore. Beide haben ihre Bands mitgebracht, die sich im Haus der Berliner Festspiele zum Septett Kinsmen vereinen.

Den denkbar unterschiedlich sozialisierten Indern gelingt es über weite Strecken, ohne kunstgewerblichen Schnickschnack stimmige Synthesen aus hinduistischer Gelassenheit und westlich urbaner Hektik zu finden. Die Saxofonisten sind glänzend aufgelegt und spielen das Publikum zuweilen in eine Art Trance, aus der es jedoch von dem erschreckend überforderten Gitarristen Rez Abassi immer wieder in die triste November-Wirklichkeit zurückgeholt wird.

Großartige Voraussetzungen bringt die Jazz Big Band Graz mit. Bei ihrem Programm „Urban Folktales ... And A Rose“ richten sich inmitten einer opulent besetzten Bläserfraktion Drehleier, elektrische Zither, Theremin und allerlei elektronisches Gerät ein. Sphärische Soundcollagen mischen sich mit archaischen Klängen zu einer futuristischen Reise in die Vergangenheit. Als dann jedoch das Blech einsetzt, wird es arg konventionell. Das österreichische Jazzorchester versäumt die Chance, eine vielversprechende Idee konsequent durchzuhalten und sich von den Big-Band-Platitüden auch tatsächlich zu befreien.

Wie man dieselben Ingredienzien organisch vereint, zeigt am Freitag das ebenfalls aus Österreich stammende Trio Bleu. Mit Trompete, Tuba, Schlagzeug, Harmonium, Hackbrett, Zither und Computer findet es erstaunlich stimmige Schnittmengen zwischen freier Jazzimprovisation, elektronischer Klangmanipulation und fast kitschig anmutender Folklore. Der Auftritt im Georg-NeumannSaal des Jazzinstituts Berlin veranschaulicht das große Potenzial des zeitgenössischen europäischen Jazz, das einzig in der stetigen Reibung von globalen und regionalen Einflüssen besteht. Das hohe spielerische und konzeptionelle Niveau von Bleu wird von dem französischen Bassklarinettisten Denis Colin und seiner achtköpfigen Formation la Société des Arpenteurs gar noch übertroffen. Von alten Slapstick-Filmen inspiriert, zelebriert das Oktett eine extrem verschachtelte Musik mit einer dynamischen Leichtigkeit, als würde es mal eben zum Dorftanz gehen. So macht Jazz Spaß, so befreit er sich von seinem Überbau und erreicht auch ein Publikum, das mit Improvisationen gewöhnlich wenig anfangen kann.

Für den Höhepunkt sorgt eine Berliner Band mit namhafter Unterstützung aus Skandinavien. Das von Pianist Reinhold Friedl geleitete Kammerensemble Zeitkratzer trifft mit dem norwegischen Gitarristen Terje Rypdal und dem dänischen Trompeter Palle Mikkelborg zusammen. Die Musiker haben mit erheblichen technischen Widrigkeiten zu kämpfen. Rypdals Gitarre ist defekt, die Monitore sind schlecht eingestellt und das Saallicht veranstaltet eine unfreiwillige Lichtshow. Zeitkratzer und Co. lösen all das mit sophistischer Routine, changieren zwischen Klangteppichen und NoiseGebirgen und verknüpfen die Disziplin der neuen Musik mit der Verspieltheit der Improvisation. Ein großer Moment.

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