Kultur : Der Flokati hat einen Scheitel

Bodo Mrozek

Wenn sich Musikfreunde die Köpfe heiß reden, dann geht es meist um Genres. Wo fängt hört Black Metal auf, und wo fängt Death Metal an? Gehört Loretta Lynn noch zu Country oder singt sie schon Western? Kein Thema eignet sich so gut zum Fachsimpeln wie die Schublade. Richtig interessant machen den Streit obskure Sub-Genres – wie Freakbeat . Das Genre fängt etwa da an, wo der Liverpool-Beat der Beatles zu brav war. Mitte der sechziger Jahre wichen erstmals die engen Manchester-Anzüge einer wilden floralen Ornamentik auf hautunfreundlichem Polyester, und die brav gescheitelten Pilzköpfe verdrängte das ästhetische Prinzip Flokati. In den Liedtexten wurde mehr oder weniger offen nach Drogen oder Bohnen verlangt – was dasselbe bedeutete. Die Musiker sahen aus wie eine Mischung aus Wanderprediger und Landstreicher. Und wie alle Nischenkulturen überlebte auch der Freakbeat klammheimlich. Einmal im Jahr feiern die Fans an so genannten Weekendern ihre Musik und lauschen jungen Bands, die ihre Musik im besten Falle weiterentwickeln, zumindest aber gut konservieren.

Die Hauptstadt lag da eher abseits – bis jetzt. Die „Berlin Beat Explosion“ tritt an diesem Wochenende erstmals an. Die belgischen Gonks spielen ihre zottelige Musik heute im Berliner Bassy-Club (Adresse unter: www.bassy-club.de), unterstützt werden sie von den Lokalmatadoren der Rhythm & Beat Organisation, die ihren schönen Donnerstags-Club neben dem Tacheles vor Monaten schließen mussten. Das ist zwar noch kein Weekender, aber immerhin eine löbliche Initiative. Am 11. März geht es weiter im Friedrichshainer Club Lovelite (Simplonstr. 38–40) mit Johnny No & His No-Man, der Freakbeat-Band, die seit Jahrzehnten ihren guten Ruf als eine der ältesten Schülerbands Berlins erfolgreich verteidigt. Unterstützt wird das Spektakel von fast allen DJs, die in der Szene Rang und Namen haben: Cheesy aus München (Target-Club), Fabrice de Feo aus Paris und etliche Berliner Veteranen wie Marc Forrest (Hip City) oder Dee Dee Wilke. Ob die Musik dann nun Freakbeat, Psychrock oder schon Blue Eyed Soul ist, wird für erregte Diskussionen am Rand der Tanzfläche sorgen, auf der das aller Voraussicht nach niemanden interessieren dürfte. Denn für Berliner Ohren werden echte Raritäten auf dem Plattenteller rotieren. Und echte Freaks haben sich schließlich noch nie um Schubladen gekümmert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben