Kultur : Der Fluch der Freiheit

Christina Tilmann

Die Villa hat bessere Tage gesehen. Jetzt bröckelt der Putz. Auch innen herrscht Chaos: Mutter und Sohn, die mit wechselnden Partnern den Bungalow bewohnen, vermögen weder ihre Zimmer noch ihr Leben aufzuräumen. Rührend hilflos wirken die Versuche, mit denen die Mutter ihrem Geliebten einen Raum einrichten möchte. Der eifersüchtig über seine Mutter wachende Marci dagegen schläft mit seiner Freundin bei offener Tür. Alles scheint erlaubt in dieser Rumpf-Familie - und gleichzeitig kann sich keiner frei bewegen. Es ist der Fluch der großen Freiheit, der die Menschen in Zoltán Kamondis "Kísértések" (Versuchungen) umtreibt. Wo weder Arbeit noch Ordnung einen Rahmen vorgeben, führt jede Äußerung zum Streit. So lax Mutter und Sohn ihre Beziehungen ausleben, so sehr kompliziert die Gleichgültigkeit ihr Leben miteinander.

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Der zweite Spielfilm des in Ungarn hoch gelobten Regisseurs scheint auf beunruhigende Weise aus der Zeit gefallen: Nicht nur, weil der Wechsel zwischen flirrend schönem Schwarz-Weiß und eher dokumentarischen Farbsequenzen es schwer macht, den Film der Gegenwart zuzuordnen. Das Gefühl der Richtungslosigkeit, mit dem alle Beteiligten leben, stammt aus dem Ungarn von heute. Auch die Figur des Computerhackers Marci ist auf der Höhe der Zeit. Dagegen ist die Welt der Zigeuner, in der Kinder verkauft und übersinnliche Fähigkeiten gepflegt werden, ein archaisches Relikt. Eines Sinti-Mädchens Rache kommt mit der Wucht jahrhundertealter Traditionen - und macht das Ende enttäuschend vorhersehbar.

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