Kultur : Der Fluch der Sieger

Rüdiger Schaper

Erst "Hamlet", jetzt die "Orestie": ein schönes Pensum für ein Jahr. Nicolas Stemann hat verstanden, dass die Hochgebirge der dramatischen Weltliteratur im Grunde gar keine unbezwingbaren Achttausender sind, sondern staubtrockene Ebenen von endloser Ausdehnung, die wir durchqueren müssen. Auf Schleichwegen, wie sonst?

Es kommt nur darauf an, eine intelligente Abkürzung zu nehmen. Seinen Dänenprinzen stellte der 1968 geborene Regisseur in eine Familie grässlich toleranter, schlaff-arroganter und machtbewusster 68er. Da war Mama Gertrud mal so frei, ihren Mann um die Ecke zu bringen, um mit Schwager Claudius das Bett zu teilen - und das Söhnchen sah ganz schön alt und reaktionär aus mit seiner Revolte gegen die arrivierten Ex-Revolutionäre. Und mit seinem Pop-Theater-Gefuchtel. Hamlet hat kein Rückgrat, woher auch? Er hält sich am Mikroständer fest.

Die "Orestie" des Aischylos geht Stemann ebenso frontal an. Er stellt eine einfache Frage: Was ist, wenn die Griechen im Trojanischen Krieg die Amerikaner sind? Der Feldzug dauerte die Ewigkeit von zehn Jahren, er führte zur völligen Zerstörung der belagerten Stadt - und stürzte den Sieger Agamemnon, den Anführer der Anti-Troja-Koalition, mit samt seiner Familie ins Verderben. Aischylos wird zu Recht als Urahn des politischen Theaters betrachtet. Dafür mag man ihn ehren oder verfluchen. Aber die politische, ja staatstragende Funktion des Athener Dramatikers ist unbestritten. Im dritten Teil der "Orestie", den "Eumeniden", führte Aischylos vor, wie der alte Geist der Blutrache, der zivilisatorischen Selbstzerstörung durch "rechtsstaatliche" Prinzipien abzulösen sei. Demokratie, mit einem Wort.

All dies sagt Stemann in seiner nur zweistündigen Inszenierung nicht explizit. Und keine Angst: Die Hannoveraner "Orestie" tanzt nicht plumperdings um das goldene Kälbchen der Aktualität. Die Bezüge und Assoziationen waren schlicht nicht zu vermeiden, wenn man umittelbar nach dem 11. September eine Tragödie zu probieren beginnt, die klassicherweise von Krieg und Rache, Heiligem Krieg und Hybris, vom Kriegsglück und seinen fatalen Folgen berichtet. Stemann und sein Ensemble haben sich diesen Dingen gestellt, und ganz im Ernst.

Der Chor tritt in Masken und Griechengewändern an die Rampe, und wenn die Kothurne, die hohen Schuhe der griechischen Tragödie, auch ein wenig an modische Monster-Plateausohlen erinnern - die Pop-Attitüde hat ihre Dominanz verloren. Es sei denn, man versteht Pop als eklektizistisches Prinzip, anything goes. Dann haben wir hier einen ungewöhnlichen Stil-Mix (Musik: Jochen Neurath). Auf dem Balkon spielt ein Streichquartett Sätze von Haydn und Beethoven, ein vielköpfiger Chor der Hannoverschen Staatsoper summt und brummt und schreit Schicksalsklänge. Und der Schauspiel-Chor, aus dem sich nach und nach die dramatis personae herausschälen und -quälen, spielt: Basketball!

Stemann benutzt für sein Aischylos-Fragment (es wirkt erstaunlich geschlossen, in der Kürze!) die Übersetzung Peter Steins, der berühmten Schaubühnen-"Orestie". Aber das Erste, was wir von dem Chor hören, sind Sätze, die Passanten unmittelbar nach den Anschlägen in New York entfuhren: "Ich habe Angst", "Die Partie ist vorbei", "Ich wollte meiner Tochter einen Computer kaufen, das lassen wir jetzt." Und das geht! Ist nicht plakativ. Weil die Choristen / Darsteller gefangen sind in einem Rollenspiel der Unsicherheit. Sie wissen nicht mehr, wer sie sind. Sie wollen nicht: morden, Rache nehmen. Sie müssen. Sie haben keine Wahl.

Grell leuchtet die Bühne von Jörg Kiefel: eine kalte Kathedrale aus Neonröhren, die wie die Orgelpfeifen aufgereiht sind. Man kann sich hier nirgends verkriechen. Agamemnon (Andreas Ebert), eine aufgepumpte Feldherrnbrust in moderner Uniform, ist schnell abgetan. Die piepsige Kassandra (Juliane Niemann), seine trojanische Gefangene, sieht mit Brille und Parka aus wie ein friedensbewegtes Mädel; Pazifismus bringt also auch nichts. Die Szene gehört Sabine Orléans, der übermächtigen Klytämnestra. Es geht einem durch Mark und Bein, wenn sie wütet, leidet, sich unter Schmerzen krümmt. Wenn sie, mit Tränen in den Augen (und es ist keine Parodie!) "Amazing Grace" anstimmt, das Lied der Trauer und der Stärke in den USA. Wenn sie vor dem Sohn, der die Racheaxt schwingt, die Mutterbrust entblößt: Sabine Orléans spielt große Tragödie in einer Theaterwelt, wo man sich manches klein reden möchte, schon aus Überlebensinstinkt.

Philipp Hochmair ist wieder Stemanns Held: Ein unwiderstehlich kraftvoll lächelnder Bursche, dem diese verdammt-diebische Ironie angeboren scheint. Hochmairs Orest und die schöne, ernste Elektra der Franziska Henschel, Bruder und Schwester begegnen einander wie ein frisch verliebtes Paar. Aber für sowas ist jetzt keine Zeit.

Die Inszenierung hat seltsame Leerstellen - meist dann, wenn Handlung ausgeführt werden muss. Hauen und Stechen. Sterben. Das liegt wohl an der strengen Versuchsanordnung, der Stemann einen irren Schluss aufsetzt: Pallas Athene ist eine bildhübsche Opernsängerin. Teodora Baka spricht griechisch Recht und singt ihre zarten Rezitative auf deutsch. Sie stiftet, mit dem grummelnden Opernchor der Rachegeister im Hintergrund, einen bezaubernden, faulen Frieden. Orest wird frei gesprochen. Er hängt zappelnd in der Luft, wie ein verreckter Fallschirmspringer. Die Premiere stand knapp vor einem Eklat, als etliche Zuschauer lauthals protestierten, man solle den leidenden Schauspieler erlösen und herunterholen. So viel Verfremdung. Und so viel Illusion. Toll!

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