Kultur : Der Fluch der Starken

In Deutschland sprach er mit den Kindern der Täter, in Haifa bringt er Israelis und Palästinenser zusammen: Dan Bar-On versucht das Schweigen zu brechen

Stephan Lebert

Von Stephan Lebert

Als er damals für seine Recherchen nach Deutschland fuhr, gab ihm eine israelische Bekannte, Tochter eines Holocaust-Opfers, eine Frage mit auf den Weg: „Finde heraus, ob die Kinder der Täter in ihren Träumen immer noch töten wollen, so wie ich in meinen sterben möchte.“

Dan Bar-On ist ein Erforscher des Bösen. Er hat sich selbst auf diese Reise geschickt, sozusagen als sein eigenes Versuchskaninchen. Vor 20 Jahren fing es an, wahrscheinlich schon früher. Dan Bar-On hat eine Menge erreicht. Dass momentan in ihm viele einen Feind sehen, besonders in seiner Heimat Israel, ist nicht wirklich eine Niederlage. Es ist nur verdammt traurig.

Eigentlich heißt er anders: Daniel Bruno. Seine Eltern und Großeltern stammen aus Deutschland, konnten Anfang der dreißiger Jahre noch in Richtung Haifa ausreisen. Doch als Jüngling gefiel ihm der Name eines Tages nicht mehr, zu deutsch, zu kraftlos. Von da an nannte er sich Dan Bar-On. Als er den Namen übersetzt, muss er ein bisschen grinsen, beim Interview in seinem Berliner Hotel. Es bedeutet so etwas wie „Kind der Macht“. Ja, ja, er weiß, ein wenig martialisch, „das hat mal zu mir gepasst. Ich war einmal sehr, sehr israelisch. Ich glaubte an die Kraft, die Macht dieses Landes. Israel war damals das Wichtigste in meinem Leben. Ich war bereit, alles dafür zu tun“.

Dies war die erste Phase. „Meine monolithische Phase“ nennt sie Dan Bar-On heute. 64 Jahre ist er alt, der Psychologe, der damals als junger Mensch völlig andere Berufsziele hatte, ein Landwirt im großen Stil war vorprogrammiert, vielleicht sogar ein Leben in der Armee. Man kann es auch so formulieren: Nach der Kindheit in einer emotional durchaus zerrissenen Familie, in der deutsch gesprochen wurde, die sich fremd fühlte, als deutsche Juden im fremden Land, danach also entschied er sich für die Klarheit. Er ging nach dem Besuch einer Landwirtschaftsschule in einen Kibbuz in der Negev-Wüste, lebte und arbeitete dort mehr als zehn Jahre. Er übernahm früh Verantwortung in der Kibbuz-Organisation, auch als Erzieher. Seine Spezialgebiete waren Wasser und Obstbäume. Ein einfaches, romantisches Leben, wie er sagt.

Und Dan Bar-On wurde begeistert Soldat, wie viele Israelis, aber er vielleicht ein bisschen mehr. Schaut man sich den älteren Mann mehr als dreißig Jahre später an, kann man sich das immer noch gut vorstellen, Dan Bar-On in einer Uniform, auch mit einer Waffe in der Hand. Sein Gesicht wirkt kontrolliert, aber nicht friedfertig, eher hart als sanft. Er kann einen rasch einschüchtern, was möglicherweise auch damit zu tun hat, dass sich sein Gemütszustand sehr rasch ändert. Er erzählt beispielsweise fast leise von Lebensgeschichten palästinensischer Studenten und wie ihm dadurch erst klar wurde, wie sehr deren Leben heute noch von dem Schmerz geprägt wird, weil sie damals von den Israelis etwa aus Haifa gewaltsam vertrieben wurden. Heute leben dort nur noch knapp dreitausend Araber, schwerpunktmäßig in einem Stadtviertel. „Ich bin geboren in Haifa, dort aufgewachsen, arbeite heute als Professor an der Universität. Aber diese Art von Wirklichkeit habe ich nie an mich herangelassen. Sie existierte einfach nicht.“ Mit einem palästinensischen Professor zusammen veranstaltet er schon seit Jahren unter schwierigsten Bedingungen regelmäßige Gesprächsrunden zwischen jungen Arabern und Israelis.

Nur ein bisschen später jedoch funkeln seine Augen geradezu vor Zorn, als er sich an ein Gespräch erinnert, das er Ende der achtziger Jahre in Deutschland mit einem der Söhne des einstigen Polen-Gouverneurs und Auschwitz-Organisators Hans Frank geführt hatte. Dan Bar-On suchte damals eine große Zahl der Nachkommen von Nazi-Tätern auf, um zu ergründen, wie sie und die deutsche Gesellschaft von den Morden der Väter geprägt wurden. Dieser Michael Frank hatte sich in einen totalen Zynismus geflüchtet, nach dem Motto: Das Leben ist doch eh nur eine Bühne, auf der eben die Bösen ihre Rollen spielen und die Guten auch. „Ich musste das Gespräch abbrechen. Ich konnte es nicht mehr ertragen“, sagt Bar-On, „ich kann Hass aushalten, aber diese Indifferenz, diese Gleichgültigkeit ist das Schlimmste. Das höre ich mir nicht an“.

Während dieser Interviews mit der zweiten Generation reiste Dan Bar-On über viele Monate hinweg mit der Bahn durch Deutschland. Er sagt, er habe sich in den Zügen sehr genau die anderen Passagiere angeschaut und versucht zu erraten, was sie und ihre Eltern wohl gewesen waren. Und er sagt auch, er habe sich immer wieder dabei ertappt, imaginäre Gespräche zu führen mit Menschen zuhause, in Israel. „Irgendwie fühlte ich mich eine sehr lange Zeit schuldig, weil ich mich mit den Kindern der Täter traf.“

Die Lebensphasen des Dan Bar-On. Das Ende der ersten Phase, sagt er, hatte mit dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 zu tun. Israel war der große Sieger dieses Krieges, denn in diesen wenigen Tagen wurden Ägypten und Syrien besiegt. Israel hatte eindrucksvoll seine Stärke demonstriert. Dan Bar-On kämpfte mit – und erlebte den Tod eines sehr guten Freundes. „Ich war nicht unmittelbar dabei, als er starb. Ich kam zu spät. Ich sah noch seine Leiche.“

Sein Schmerz, die Trauer über den toten Freund, war möglicherweise der Beginn der „Dekonstruktion meiner Identität“, wie er es, ganz Psychologe, nennt. Anders ausgedrückt: Dan Bar-On fing an zu zweifeln, ob das eher eindimensionale und unerbittliche Selbstbewusstsein vieler Israelis der richtige Weg ist. Das sichere Gefühl, die Moral gepachtet zu haben, allein schon deshalb, weil dieser Staat eben entstanden ist, nachdem Millionen von Juden hingemetzelt waren und die Übriggebliebenen endlich auf der Suche nach einem eigenen und sicheren Platz in diesem Land fündig wurden.

Den Abgrund überbrücken

Wenn Ministerpräsident Ariel Scharon heute auf Israels internationale Beziehungen angesprochen wird, weist er gerne darauf hin, die oberste Maxime seiner Politik sei es, dafür zu sorgen, dass die Juden in Israel nie wieder von jemanden abhängig werden, „wir verteidigen uns selbst, wir sind stark genug“. Etwas zugespitzt könnte man die Überzeugung von Scharon und Co. so zusammenfassen: Wir waren Opfer und wollen nie wieder Opfer sein; die Motivation für alles ist die legitime Selbstverteidigung – deshalb können wir gar keine Täter werden, egal, was wir tun.

Dan Bar-On ist in Berlin, weil er an einem Kongress teilnimmt, der sich mit der Frage beschäftigt, wie die Nachkommen von Opfern und Tätern miteinander ins Gespräch kommen können und was dabei herauskommt. Bar-On hat Bücher zu diesem Thema geschrieben, auf Deutsch heißen sie „Die anderen in uns – Dialog als Modell der interkulturellen Konfliktbewältigung“ oder „Den Abgrund überbrücken“, beide erschienen in der Edition Körber-Stiftung. In Israel kämpft der Professor gegen die Politik Scharons, auch gegen das Ego seines Landes.

In Deutschland, in einem Nebenzimmer des Berliner Hotels „Esplanade“, wird er wütend, wenn er hört, dass sich hier immer wieder Stimmen erheben, die Israel eine faschistische Politik gegenüber den Palästinensern vorwerfen. „Das ist ein deutsches Spiel“, sagt Bar-On, „an dem ich mich nicht beteiligen will. Es gibt immer wieder Deutsche, die Israel sehr bewusst mit dem Begriff Faschismus angreifen, aus einem klaren Grund: Sie wollen damit sagen: Ihr Juden seid doch auch nicht besser als wir damals. Sie wollen sich damit entschulden“. Langweilig sei dieses Spiel, vorhersehbar, „ich verachte das“.

Das Opfer-Täter-Prinzip: Dan Bar-On wählte den extremen Weg, um sich diesem Thema zu nähern. Er misstraut der eigenen lebenslangen Opferrolle und fährt erstmals im Jahr 1985, inzwischen als angesehener Psychologe, in das Land der Täter. Er will sich die andere Seite anschauen. Er weiß, wie sehr der Holocaust Israel geprägt hat, wie sehr die Überlebenden gezeichnet und wie tief in dieses Schicksal auch deren Nachkommen verstrickt sind. Wie ist das in Deutschland? Welche Folgen hat es, wenn der Vater und Erzieher ein Mörder war? Hat der Daddy manchmal nachts geschrien? Oder war er ein Mitläufer, einer, der weggeschaut hat, feige war? Hat er den eigenen Sohn vielleicht davor gewarnt, ein Opportunist zu werden? Dan Bar-On begab sich, wenn man so will, auf die Suche nach dem Herz der deutschen Familie.

1985, vierzig lange deutsche Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs: Dan Bar-On konnte es zunächst nicht glauben, aber er stößt mit seinen Fragen in ein völliges Vakuum. Rund neunzig Interviews führt er mit Nachfahren von Nazi-Tätern, alle etwa in seinem Alter. Viele von ihnen sagen, sie reden darüber zum ersten Mal in ihrem Leben so ausführlich. Bar-On notiert in seinem Buch „Die Last des Schweigens“, in dem die Gespräche protokolliert werden: Überall begegne ihm diese doppelte Mauer, zunächst haben die Täter ihre Taten in tiefer Watte versteckt und dann hüllten die Kinder ihre Eltern in Stille. Gelähmte Beziehungen, wohin er blickt.

Der jüdische Psychologe findet ein Land vor, das zwar die laute 68er-Debatte und eine offizielle Vergangenheitsbewältigung hinter sich gebracht hat, sich aber in keiner Weise, etwa in den Familien, emotional auseinander setzt. Typisch ist der Dialog zwischen Bar-On und dem Sohn eines grausamen Auschwitz-Arztes.

Bar-On: „Wann wurde Ihnen erzählt, was während des Krieges geschah und welche Aufgabe Ihr Vater hatte?“

Sohn: „Von den Eltern habe ich überhaupt nichts erzählt bekommen, so viel ich weiß, überhaupt nichts. Ich glaube, das erste Mal, dass ich überhaupt erfahren habe, was mein Vater war, war schon während meiner Kochlehre. Ich sah zufällig eine Fernsehsendung über Auschwitz und habe darin meinen Vater gesehen. Darüber wurde nie gesprochen. Ich habe auch nie gefragt.“

Bar-On: „Nachdem Sie die Sendung gesehen haben, haben Sie ihn auch nichts gefragt?“

Sohn: „Nein. Wie gesagt, da war ich schon zu Hause weg, und ich kam auch sehr selten nach Hause.“

Bar-On: „Weiß man in Ihrem Freundeskreis, was die jeweiligen Väter während des Krieges taten, oder wird darüber nicht gesprochen?“

Sohn: „Nein, nie. Ich kenne nicht einen, dessen Vater ein Nazi war.“

Bar-On traf auch Martin Bormann junior, den Sohn der rechten Hand von Adolf Hitler, einem der allerschlimmsten Verbrecher. Der junge Bormann ist kurz nach dem Krieg zum katholischen Glauben übergetreten, ging als Missionar jahrelang nach Afrika, arbeitete nach seiner Rückkehr als Religionslehrer. Der tief religiöse Mann sagt heute, die Begegnung mit Bar-On habe ihn dazu ermutigt, sich der eigenen Geschichte zu stellen, sich, als einziger in seiner Familie übrigens, mit den Horrortaten seines Vaters auseinanderzusetzen.

Bei aller Kritik am alten Bormann trägt der junge Bormann immer eine Postkarte von ihm aus dem Jahre 1943 bei sich. „Mein Herzensjunge“, steht da geschrieben, „hoffentlich kann ich dich bald wieder sehen. Dein Vater.“ Auch das, sagt Martin Bormann, „auch das ist mein Vater“.

In Deutschland leben? Niemals.

Nach seiner Begegnung mit Bormann schreibt Bar -On: „Als wir zusammen zur Bushaltestelle gehen, sind wir noch in unseren Gefühlen und Gedanken versunken. Ich beobachte ihn, wie er weggeht. Eine große Last scheint er auf seinen Schultern zu tragen, auf seinem Herzen lastet eine schwere Bürde.“

Im Jahr 1971 hatte Bormann einen schweren Autounfall. Gerettet wurde er von einem besonderen Mann, der zufällig gerade in der Nähe war: Der Lebensretter war der Chauffeur des SS-Reichsführers Heinrich Himmler. Er erkannte den Martin Bormann wieder, den er als Kind zusammen mit den beiden Schwestern öfters zum Haus Himmlers am Tegernsee gefahren hatte, um mit der kleinen Gudrun Himmler zu spielen. Bormann wurde durch diesen Zufall an diesen Ort erinnert, der für ihn eine besonders gräuliche Bedeutung hatte. Er weiß noch genau, wie 1944 Himmlers Sekretärin und Geliebte Hedwig Potthast den Bormanns eine sehr eigene Sammlung ihres Chefs im Dachgeschoss zeigte. Da standen Tische und Stühle, gemacht aus Teilen menschlicher Körper. Bei einem Stuhl war die Sitzfläche ein bearbeiteter Beckenknochen, bei einem anderen war das Stuhlbein aus Menschenknochen. Es gab sogar eine „Mein Kampf“-Ausgabe, gebunden in Menschenhaut. Bormann erinnert sich gut an sein Gefühl der völligen Versteinerung, beim Anblick dieses Raums.

Ein bisschen viel Schicksal, was einer wie Martin Bormann mit sich herumträgt. Dan Bar-On brach seine Recherchen in Deutschland wiederholt ab, um nach Israel zurückzufahren, „um wieder Kraft für die nächste Runde zu tanken. Es gab Monate, da habe ich Deutschland physisch nicht mehr ertragen“. Er wurde wütend in den Interviews mit den Nazi-Kindern, verzweifelte manchmal, aber er hat auch die Schwere der Last verstanden. Und erkannte bei einigen die Parallelen zu den Nachkommen der Opfer. Er gründete Gesprächsrunden zwischen Deutschen und Israelis, zwischen Juden und Nichtjuden. Martin Bormann war und ist sehr häufig dabei.

Das war der Anfang. Nach und nach erweiterte Bar-On den Personenkreis, es kamen Opfer und Täter aus Südafrika dazu, auch aus Nordirland. Und schließlich begann er mit Gesprächsrunden in Israel, etwa zwischen israelischen Soldaten und Palästinensern. Da war die Rollenverteilung dann anders, die Juden als Täter. „Es wäre so wichtig“, sagt Bar-On, „dass dieses Land begreift, dass wir eben auch Täter sind“. Und er zitiert den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, der einmal sinngemäß gesagt habe, die Juden müssten sich irgendwann dem Gedanken stellen, dass auch sie nationalsozialistische Verbrecher hätten sein können.

Ob er in Deutschland leben könnte? Nein, sagt er, niemals, „wenn ich hier durch die Straßen gehe, sehe ich zu sehr, was alles verloren gegangen ist. Ich sehe die Menschen, die nicht mehr da sind“.

Er lebt in Israel. Er wird oft angefeindet für seine Versöhnungsrunden. Und er schüttelt beinahe verzweifelt den Kopf angesichts der aktuellen Politik in Israel, vor allem auch in den USA. Überall diese Tendenz zur monolithischen Identität, sagt er, die Sehnsucht nach Stärke, Klarheit. Sein Weg ist im Moment der Weg eines Außenseiters.

In diesen Tagen, kurz vor der Wahl, kommt eine E-Mail von Dan Bar-On. Er erwarte leider keinen Wechsel, keine Änderung der Politik. Sein Land warte wie gebannt auf das, was im Irak passieren wird. Und dann schreibt er noch: „Was für ein Desaster!“

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