Kultur : Der Fluß des Geldes

CHRISTINA TILMANN

Kommt der deutsche Besucher derzeit in Lissabons prächtiges "Museu Nacional de Arte Antiga", steht er dort vielfach vor verschlossenen Sälen.Auch wenn gerade einmal nicht gestreikt wird, auch wenn gerade nicht restauriert wird wie allerorts in Portugals schäbig-schöner Hauptstadt - viele der Meisterwerke europäischer Kunst, die sonst in dem gelbleuchtenden Alvor-Pombal-Palast mit den grünen Fenstern hoch über dem Ufer des Tejo zu sehen sind, wird der Kunstfreund derzeit dort nicht zu sehen bekommen.Außer, er bescheidet sich und reist statt ins sonnige Portugal nach Bonn, wo die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland ihre Reihe "Die großen Sammlungen" fortsetzt mit 200 Meisterwerken aus der portugiesischen Sammlung.

Was weit hergeholt scheint, ist in Wahrheit europäisches Allgemeingut, welches sich so auch im benachbarten Wallraf-Richartz-Museum, in Brügge, Paris, London oder Prag finden könnte: Da hängt Hans Memlings stille "Madonna mit Kind" selbstverständlich neben Holbeins vielfiguriger "Mystischer Vermählung der Heiligen Katharina", Piero della Francescas "Heiliger Augustinus" mit seinem prunkvollen, mit Szenen aus dem Leben Jesu bestickten Mantel neben Francisco de Zurbaráns alternden "Apostel Petrus", der auch ein gewöhnlicher Bettler sein könnte.Einer der Höhepunkte der Schau stammt gar aus nächster Nachbarschaft: Das Anfang des 16.Jahrhunderts datierte "Rheinische Triptychon" aus der Kölner Schule zeigt eine monumentale Kreuzigungsgruppe, umrahmt von vier Szenen aus dem Leben Jesu und lehnt sich motivisch an Stiche Dürers, Schongauers und des Meisters ES an.Die Fachwerkhäuser, Eichenwälder und dunklen Regenwolken im Hintergrund passen in der Tat eher ins heimische Rheinland als nach Portugal.

Eine zusammengekaufte Sammlung ohne inneren Zusammenhalt also, Prestigeobjekt eines ehrgeizigen Fürsten im kleinen Land am äußersten Ende Europas? Mitnichten.Vielmehr Zeichen eines grundlegenden Wandels auf dem europäischen Kunstmarkt an der Schwelle zur Neuzeit.Denn gerade zu Beginn des 16.Jahrhunderts, als Portugal erste Kolonialmacht Europas und die Stadt am Tejo wichtiger Warenumschlagplatz war, entwickelte sich das tragbare Tafelbild zu einem wichtigen Handelsgut, das über das Meer, auf Flüssen und quer durchs Land nach Lissabon transportiert wurde.

Auch mobile Künstler wie der flämische Maler Frei Carlos (Bruder Karl) und Francisco Henriques, Mitbegründer der luso-flämischen Malerschule, folgten dem Fluß des Geldes und siedelten sich an Umschlagplätzen wie Évora oder Lissabon an.So zeigt die Lissaboner Sammlung weniger eine Nationalkunst einheimischer Künstler, wie es in einem Nationalmuseum zu erwarten wäre, sondern den Reichtum einer Nation, deren Talent schon immer in der Verschmelzung der vielen Einflüsse lag, die Händler und Reisende nach Portugal brachten.

Viele dieser Ströme fließen zusammen im zentralen Werk eines portugiesischen Meisters, das prototypisch für die fruchtbare Zeit Anfang des 16.Jahrhunderts steht: dem Flügelaltar der Heiligen Aukta.Aukta, eine der Genossinnen der Heiligen Ursula, begleitete diese auf ihrer Kreuzzug ins Heilige Land und starb mit ihr und den übrigen elftausend Jungfrauen den Märtyrertod vor den Toren von Köln.

Auf den Altarretabeln des unbekannten Meisters, dessen prächtig ornamentierte Gewänder an Altniederländer wie Jan van Eyck, die einfach-süßen Gesichter dagegen an Carpaccios venezianische Fresken erinnern, finden sich alle Punkte, die Portugal verbindet: Seefahrt (Ursulas Einschiffung von Basel aus), Hafensituation (Ursulas Märtyrertod in einer an die Tejomündung erinnernden Bucht), fremde Völker (die beturbanten Hunnen vor Köln), lokale Anknüpfungspunkte und eine Hommage an die kunstsinnige Königin Eleonore (1458-1525), die Auktas Gebeine nach Lissabon holte.Auf dem Bild, das die Ankunft der Gebeine in Lissabon schildert, ist vor der Fassade der von Eleonore gegründeten Klosterkirche Madre De Deus, die heute das Azuleios-Museum beherbergt und deren Fassade nach diesem Altarbild rekonstruiert wurde, die Königin auf einer kleinen Tribüne zu sehen.

Können sich portugiesische Kunstwerke wie dieses Altarretabel oder die feinfigurig-blassen, wie al-fresco gemalten Tafelbilder des Frei Carlos im europäischen Vergleich durchaus sehen lassen, sind sie doch vergleichsweise selten vertreten in der Bonner Ausstellung.Reicher bestückt ist die Abteilung Kunsthandwerk, die mit prunkvollen Kirchengütern wie Monstranzen, Kelchen, Vortragekreuzen, Stundenbüchern vertreten ist, aber auch mit profanen Gegenständen wie Salzgefäßen, Silbergeschirr, Wandteppichen und Azuleios, jene blauen Fayencen, für die Portugal bis heute berühmt ist.Spannend aber wird auch das Kunsthandwerk erst da, wo portugiesische Handwerkskunst auf den Geist der weiten Welt trifft: Auf Japan zum Beispiel, wo in den vierziger Jahren des 16.Jahrhunderts sich Japaner und Portugiesen staunend gegenüberstehen.Ein prächtiger Wandschirm zeugt von dem Eindruck, den die Ballonhosen tragenden "Langnasen" bei ihrer Ankunft auf japanische Künstler machten.

Nicht gerade nach Japan, aber auch in die weite Welt führt die parallele Ausstellung "Tage der Dunkelheit und des Lichts", mit der das benachbarte Kunstmuseum Bonn die zeitgenössische Kunst aus Portugal vorstellt.Fünf junge Künstler stellen ihre sehr verschiedene Sicht auf das moderne Portugal und seine Position in der Gemeinschaft vor.Während die in Mozambique geborene Angela Ferreira, die seit Anfang der neunziger Jahre in Portugal lebt, mit ihrem Projekt "Zweiseitig" die Arbeitswelten des amerikanischen Minimalisten Donald Judd und der naiven südafrikanischen Künstlerin Helen Martins verknüpft, indem sie die jeweiligen Arbeitsräume in das Haus des anderen installiert, sucht der Photokünstler Luis Campos die Ferne in der Nähe, indem er Einwanderer wie Einheimische nebeneinanderstellt oder, eindrücklicher noch, in der Serie "Transurbana", Einzelfiguren fast wie in mittelalterlichen Triptychen vor jenen Vorstadtsiedlungen Lissabons posieren läßt, die auch in Brasilien, Johannisburg oder Warschau liegen könnten.

Im bösen Sinne weltumspannend schließlich ist seine Serie "Der letzte Blick des Helden", in der das letzte Bild nachgestellt wird, das Opfer politischen Terrors in Südafrika, Indonesien, Teheran und Osttimor vor ihrem Tod vor Augen hatten.

Museu Nacional de Arte Antiga, Lissabon, in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, bis 11.Juli 1999, Di und Mi 10 bis 21 Uhr, Do bis So 10 bis 19 Uhr, Katalog 58 Mark.

Tage der Dunkelheit und des Lichts, im Kunstmuseum Bonn, bis 6.Juni 1999, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Katalog 50 Mark

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