Kultur : Der Fortschritt ist eine Schnecke

Schrumpfende Städte: Wolfgang Kil goutiert den „Luxus der Leere“

Robert Kaltenbrunner

Die Wölfe nehmen die Mark Brandenburg in Besitz – das war unlängst eine jener Meldungen, die den demografischen Wandel und ökonomischen Umbruch in den neuen Bundesländern orchestrieren. Schrumpfende Städte, vereinsamende Landschaften: So lauten andere, nur vermeintlich weniger alarmierende Botschaften. Weit über eine Million Wohnungen stehen bislang in Ostdeutschland leer und somit zur Disposition.

Dass dies jedoch gar nicht der Kern des Problems, sondern nur eine Folgeerscheinung ist, darauf weist der Publizist Wolfgang Kil nun in einem so inspirierenden wie streitbaren Buch hin. Indem er seinen Blick auf jene Orte und Areale richtet, die so, wie sie sind, offenkundig nicht mehr gebraucht werden, und für die eine tragfähige Nachnutzung nicht parat steht, durchleuchtet er gleichsam unsere zeitgenössische Konstitution: Erahnt er doch Weichenstellungen, die auf unsere soziale wie räumliche Umwelt auf ähnlich revolutionäre Weise einwirken, wie das im Zuge der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert geschehen ist. Wenngleich Orte wie Hoyerswerda, Schwedt oder Wittenberge nicht recht zum gängigen Bild von gesellschaftlicher Entwicklung passen wollen, seien weder politischer Populismus noch Apathie und Nichtbeachtung angebracht.

Und weil wir es hier mit einer Abwärtsspirale zu tun haben, die als strukturelle Schrumpfung alle städtischen Lebensprozesse erfasst, werden letztlich alle bisherigen Kategorien, Interpretationsmodelle und politischen Lösungsmuster massiv in Frage gestellt. Trotzdem – oder gerade deshalb – plädiert Kil für eine neue Gelassenheit. Da wir vorab kaum wissen können, wohin die Reise der nachindustriellen Gesellschaft geht, sollten wir alle Kraft auf einen möglichst schmerzarmen Übergang konzentrieren. Mit seiner Schrift will er Mut zum Experiment machen: als lebenspraktischer Abschied von einem Zukunftsbegriff, der im unbedingten Anspruch auf Fortschritt und Wachstum gründet.

Wolfgang Kil: Luxus der Leere. Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt. Eine Streitschrift. Verlag Müller & Busmann, Wuppertal 2004. 160 Seiten, mit zahlr. Abb., 25 €.

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