Der Fotograf Elger Esser in Karlsruhe : Die angehaltene Zeit

Mit seinen Fotos entführt Elger Esser in die Welt von Marcel Proust. Jetzt wird ihm die Kunsthalle Karlsruhe zur Bühne für seine Bilder.

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Stillleben. Boulogne-sur-Mer, 2005.
Stillleben. Boulogne-sur-Mer, 2005.Foto: Elger Esser/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Zur Preisverleihung erklingt Musik von Erik Satie und Gabriel Fauré – und damit ist der Ton gesetzt, der des fin de siècle nämlich, den sich Elger Esser in seinen Fotografien so mühelos anverwandelt. „Combray“ heißt sein jüngstes Buch, und dieser Name genügt, um an Marcel Proust und seine „Suche nach der verlorenen Zeit“ denken zu lassen, die unter anderem in dem imaginären Städtchen Combray angesiedelt ist.

Nun hat Esser, Stuttgarter des Jahrgangs 1967, den Großen Staatspreis von Baden-Württemberg erhalten. Aus diesem Anlass widmet ihm die Kunsthalle Karlsruhe eine Ausstellung. Es ist ein schmaler Grat, auf dem Esser wandelt, der Grat zwischen nostalgischer Vergangenheitsbeschwörung und der Fotografie als künstlerischem Medium. Mit einer gewissen Verwunderung nimmt man zur Kenntnis, dass Elger ein Schüler Bernd Bechers ist und also der „Düsseldorfer Schule“ zuzurechnen. Das scheint nicht zu jenen melancholisch weichgezeichneten Bilder zu passen, die Esser von seinen Reisen mitbringt, vor allem durch das Frankreich der tiefsten Provinz. Armin Zweite unternahm in seiner Karlsruher Laudatio gehörige Anstrengungen, Essers Œuvre aus jener Ecke der Proust-Bebilderung herauszuholen, in die sich der Künstler doch augenscheinlich in vollem Bewusstsein hineinsetzt.

Ja und nein. Wie Prousts Opus als literarische Konstruktion einer Wirklichkeit eigener Art seine Bedeutung hat, so gelten Essers Fotografien von verfallenen, überwucherten oder einfach nur im Lauf der Zeit vergessenen Häusern, Kirchen, von Booten, Gärten, Brücken nur vordergründig dem Pittoresken einer Postkarte. Gerade Postkarten hat sich Esser in seinem Frühwerk hergenommen und mit Techniken wie der Handkolorierung verändert und verfremdet. Es geht ihm also um das Bild als eine eigene Realität. Was die in wandfüllenden Großformaten ausgestellten Bilder mitteilen, ist das Stillstellen der Zeit als das konstituierende Element der Fotografie.

Im Weinkeller hüllen Spinnweben die Flaschen ein

Essers Aufnahmen jedoch bringen die Dauerhaftigkeit, die Zeitlosigkeit des Moments in dem Aus-der-Zeit-gefallen-Sein der abgebildeten Objekte und Landschaften zu Bewusstsein. Der Weinkeller, in dem Spinnweben die Flaschen einhüllen, ist ein Sinnbild dieses Vergehens der Zeitlichkeit selbst. Auch das Licht weicht aus Essers Fotografien, die zumeist sehr hell sind, aber paradoxerweise lichtarm wirken, wie durch eine die Augen abschirmende Hand gesehen.

Bernd und Hilla Becher, man erinnert sich, haben ihre Industriefotografien grundsätzlich bei gleichmäßig grauem Himmel gemacht, und genau dieser Verzicht auf jedwede Dramatik lebt in Essers Arbeiten fort. Sie sind am besten eben in Schwarz-Weiß, nicht in dem starken Blauton mancher Meeresstudien.

„Eine höchst fragile Schönheit kommt in seinem Werk zum Ausdruck“, führte Zweite in Karlsruhe aus. Esser wähle „Orte der Ereignislosigkeit, die einen lyrischen Grundton anschlagen“. Wenn man genau hinsieht, ist es nicht einmal Vergänglichkeit, die Esser in Bilder fasst, sondern deren Ausbleiben: Selbst der Verfall erscheint in seinen Bildern stillgestellt. Zudem verwendet er altertümliche Techniken wie die der Heliogravüre, eines Druckverfahrens, das zarteste Abstufungen von Grau ermöglicht. Je mehr man sich den Großformaten der Ausstellung nähert, desto mehr scheint das Bildmotiv zu entschwinden, sich aufzulösen in abstrakten Flecken und Feldern von Grau.

Essers Ausstellung trägt den merkwürdigen Titel „Zeitigen“. Darin steckt die Zeit, die vergangen und in den Fotografien auf immer gefangen ist. Die Bilder zeitigen weniger eine konkrete Erinnerung, denn kaum ein Betrachter wird die verschwiegenen, verwunschenen Orte irgendwo in Frankreich kennen. Sie zeitigen vielmehr ein diffuses Gefühl von Vergangenheit, von etwas, das verloren ging und nur mithilfe künstlerischer Tätigkeit hervorgeholt werden kann. Eigentlich aber konstruiert Esser eine Wirklichkeit, die es nur im Bild gibt. Man gerät ins Grübeln, ob es die Örtlichkeiten tatsächlich gibt, die Esser vorgibt abzulichten. Die Fotografie als Medium der Kunst behauptet ihre Autonomie.

Kunsthalle Karlsruhe, bis 10. Juli. Katalog 39 €, leicht verändert als Buch „Combray“ bei Schirmer/Mosel, 68 €.

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