Kultur : Der Freibeuter

Immer gegen die US-Regierung: Noam Chomsky an der Freien Universität

Kerstin Decker

Noam Chomsky ist etwas geworden, was jeder werden möchte, wenn er zum ersten Mal eine Universität betritt: der Oberintellektuelle der Welt. Und das im Zeitalter des Verschwindens des Intellektuellen. Denn es gibt gerade sehr viele Intellektuelle, die nachweisen, dass die Existenz von Intellektuellen in der Gegenwart unmöglich ist. Der real existierende Gegenbeweis betritt in Pullover und Jeans das voll besetzte Audimax der Berliner FU im Henry-Ford-Bau; er ist der vor Hegel und Cicero und gleich nach Platon und Freud meistzitierte Autor. Ja, ist das nicht ungefähr so, als käme Platon selbst mit Freud in der Tasche? Chomsky hat nie etwas anderes getragen als Pullover, Jeans und Turnschuhe, und er sieht auch nicht ein, warum er jetzt, nur weil er schon 76 ist, zu altersgerechter Kleidung wechseln sollte. Bruce Springsteen und er sind die beiden einzigen Amerikaner, die eine vergleichbar magnetische Wirkung auf das Publikum ausüben, egal, wo sie auftauchen, behaupten Enthusiasten.

Nach wenigen Minuten weiß man: Springsteen klingt doch anders. Chomsky-Sätze haben streng genommen keinen Anfang und kein Ende, aber das ist nicht mangelnde rhetorische Begabung, sondern Realismus, denn die Geschichte, der fortgesetzte Schrecken, hat schließlich auch keinen Anfang und kein Ende. Und Chomsky ist ihr Großanalytiker. Im Vietnam-Krieg hat er damit angefangen. Chomsky-Sätze besitzen auch keine Höhen und Tiefen, und nur oberflächliche Menschen halten das für einen Mangel. Denn die Monotonie der Chomsky’schen Rede ist in Wirklichkeit Schonung. Wozu das Publikum auch noch durch Betonungen erschrecken? In jedem einzelnen Chomsky-Satz öffnet sich ein Abgrund. Sein Thema lautet „Illegal, but legitimate – A dubios doctrine of the times“. Guantanamo und anderswo also. Was dort geschieht, ist zwar irgendwie sehr illegal, aber völlig legitim. Findet die US-Regierung, Chomskys Lieblingsfeindin. Alle vorherigen US-Regierungen inklusive. Zweimal der lateinische Wortstamm von Gesetz. Solche Doppelheiten hält Chomsky für symptomatisch. Im Chomsky-Universum gibt es ohnehin alles doppelt und wechselt beständig die Seite, auch Terroristen und Diebe.

Alexander der Große soll einmal einen kleinen Piraten gefasst und ihn gefragt haben: Wie kannst Du es wagen, die Meere unsicher zu machen? – Pirat: Wie kannst Du es wagen, die ganze Welt unsicher zu machen? – Chomsky glaubt, ob man als Pirat gilt oder als legitimer Herrscher, ist vor allem eine Frage der Schiffe. Entweder man hat nur eins (Pirat) oder eine ganze Flotte (Befreier der Menschheit). Chomsky ist grundsätzlich für die mit nur einem Schiff, für die Davids auf den Weltmeeren der Geschichte. Die Goliaths sind ihm verdächtig, dabei besaß er selbst mal eine ganze Segelboot-Flotille zu Hause in der Nähe von Boston.

Es gibt viele, die ungefähr so denken wie Chomsky. Man nennt sie meist linke Spinner. Aber was ist der Unterschied zwischen einem linken Spinner und dem Oberintellektuellen der Welt? Marxist zu sein, kann man Chomsky nicht vorwerfen. Den Marxismus hatte Chomsky schon mit dreizehn in der Schülerzeitung von Oak Lane in Grund und Boden diskutiert; zeitgenössische Anarchisten fand er besser. Chomskys Lieblingsanarchist hieß Rudolf Rocker. Auch den „Marleniten“ (von Marx und Lenin) hat er gern zugehört. Chomsky: „Ich habe nichts davon geglaubt, aber es war sehr spannend.“ Das Nichts-Glauben hat er beibehalten, aber sollte es nicht solide Grundlagen haben? Also untersuchte Chomsky unsere Sprache, das Phänomen, dass man mit einem endlichen Set von Regeln unendliche, immer wieder „neue“ Sätze hervorbringen kann. Seine Dissertation „The Logical Structure of Linguistic Theory“ hatte den Nachteil, dass die Gutachter sich außerstande sahen, sie zu verstehen. Aber dann wurde Chomsky ans Massachusetts Institute of Technology berufen, wo sich alle die trafen, die sowieso keiner verstand. Später widmeten sich Studenten auf der ganzen Welt der GTG, der „Generativen Transformationsgrammatik“. Für einen, der die GTG erfunden hat, spricht er bemerkenswert verständlich. Die wirklich großen Geister können das.

Chomsky braucht kaum fünf Minuten, um von Recht, Rechtsstaat, Demokratie und humanitären Interventionen bloße Arabesken der Macht übrig zu lassen. Und nach einer halben Stunde hat Chomsky, noch immer im Nirvana-Tonfall, in den Seminolen-Kriegs-Verantwortlichen des 19. Jahrhunderts die geistigen Urväter Bushs entlarvt. Damals stellten die Seminolen und entlaufenen Sklaven die Hauptbedrohung Amerikas dar. Chomsky gehört zu den Menschen, die in drei Sätzen ganze Jahrhunderte und Erdteile durchqueren und auf den verschiedensten Schauplätzen mit vollem Personal gleichzeitig denken.

Man hat diesen Chomsky den Advokaten des Teufels genannt, denn es gibt keine Scheußlichkeit der Weltgeschichte, die er sich nicht gemerkt hätte und mit der Kälte des Logikers ähnlich Luhmanns Systemtheorie analysiert. Dass ihm gute Absichten und Motive nichts gelten, ist klar, denn die haben noch nie Geschichte gemacht. Man könnte fast depressiv werden und steht bereits am Rand eines großen schwarzen Lochs, als Chomskys letzte Worte in brandendem Applaus untergehen, und Chomsky hat ein unvermutet menschenwarmes Lächeln. Jetzt ist es doch ein wenig wie bei Bruce Springsteen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben