Kultur : Der Freiheit ins Gesicht sehen

„American Portraits“: eine Fotoserie im DHM

Ulrich Clewing

Die Augen, heißt es, sind der Spiegel der Seele. Was aber zeigt ein ganzes Gesicht? Es sind lebensumspannende Distanzen, die der in New York wohnende Fotograf Reiner Leist in seinen Arbeiten überbrückt. „American Portraits“ nennt sich die zwischen 1994 und 2001 entstandene Serie: über hundert Porträtaufnahmen von Menschen aus allen Staaten Nordamerikas, die Leist mit jeweils einem Kinder- oder Jugendfoto der Abgebildeten zu einem Bildpaar kombinierte. Diese Bilderpaare – 34 davon sind jetzt im Deutschen Historischen Museum ausgestellt – ergänzte er noch um Auszüge aus Interviews, die er mit seinen Modellen führte, so dass sich vor den Augen des Betrachters ein Gedankenraum auftut, in dem vieles Platz hat: Träume, Illusionen und Sehnsüchte, Anekdoten, persönliche Erinnerungen und Momente, in denen Zeitgeschichte sichtbar wird.

Da ist zum Beispiel Allison Evans, die 1973 als junges Mädchen müde, aber glücklich im „Nigodoff Ballet Studio“ in Key West, Florida, auf dem Boden hockt, eine Rose in der Hand. 24 Jahre später ist aus Allison Evans Allison Mayer geworden, eine schöne Frau, die aussieht wie aus den Sechzigerjahren, in einer Band, den Fabulous Spectrelles, singt und eine der ersten Amerikanerinnen ist, die von ihrem Aids-kranken Ehemann einen Sohn bekommen hat – damals ein Riesenskandal. Dennoch endet das Gespräch mit Leist in wunderbar griffiger Zuversicht: „Wenn ich das nächste Mal im Fernsehen bin, dann wegen meiner Kunst, nicht wegen meiner Tragödien.“

Da ist Allan Hooper, ein krummer 88-Jähriger aus dem Städtchen Butte in Montana, ein ehemaliger Bergarbeiter, der die Schließung seiner Grube fast so bedauert wie den Verlust seiner Eltern und nichts lieber täte, als „wieder den Schwefel auf dem Felsen“ zu riechen. Da ist Flavia de Souza, Mitte zwanzig, die aus Brasilien nach New York kam, „um allein zu sein, erwachsen zu werden, die Bande mit meinen Eltern zu kappen“. Da ist Henry Kissinger aus Fürth in Franken, ein charmant lächelnder Junge (1931), den die Nationalsozialisten umgebracht hätten, wäre er nicht vor ihnen geflohen, einer der größten und scharfsinnigsten amerikanischen Außenpolitiker. Und da ist auch noch Marcus Winslow aus Fairmount, Indiana, heute so um die sechzig. Fairmount Indiana ist ein Ort, den kaum jemand kennt. Außer er interessiert sich für James Dean, der dort geboren wurde . Er hat Marcus 1955, kurz vor seinem Tod, wie jedes Jahr zu Weihnachten in dessen Elternhaus besucht, um mit ihm einen Schneemann zu bauen.

Offenkundig hat Reiner Leist, Jahrgang 1964, Lehrer für Fotografie am renommierten Massachusetts Institute of Technology, die Bilder in dem Bewusstsein gemacht, dass bei seinem Vorhaben die Klischeefalle droht. So sind seine Fotos von einer Qualität, die ein genaues Studium zum großen Vergnügen macht. Mag sein, dass es ein Irrglaube ist, ein Foto und ein knapper Text könnten so umfassend Auskunft über eine Persönlichkeit geben, dass man meint, selber so etwas wie eine Begegnung gehabt zu haben. Doch wenn es ein Trugschluss ist, dann einer, dem man sich gerne hingibt.

DHM, Pei-Bau, bis 3. Oktober, tgl. 10-18 Uhr. Katalog (Prestel Verlag): 29,95 Euro.

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