Kultur : Der fremde Strand

Private Kartographien: Jules de Balincourts Gemälde bei Arndt & Partner

Daniel Völzke

Wenn der junge Jules zum Surfen wollte, musste er sich erst gegen die reichen Kids behaupten. Sie begrüßten ihn, der aus dem etwas entfernten Valley kam, mit: „Valley Go Home!“ Betritt man die Galerie Arndt & Partner, um die erste Einzelausstellung Jules de Balincourts in Europa zu sehen, fällt der Blick sofort auf diesen Satz. Auf einem kleinen Quadrat prangen die leuchtenden Buchstaben und wünschen den Besucher zurück ins Valley – wo immer das auch sei.

Um Positionierungen und Orientierung geht es in vielen Arbeiten des in Frankreich geborenen und in Kalifornien aufgewachsenen Malers (7000 – 16 000 Dollar). De Balincourt, der vor wenigen Monaten sein Kunststudium in New York beendete und bereits in einer Gruppenausstellung im PS1/MoMA vertreten war, betreibt mit Öl, Acryl und Spray auf Holztafeln eine Art künstlerische Ethnologie. „Accidental Tourism and the Art of Forgetting“ überschreibt er dieses Vorhaben. Auf beiläufig Erlebtes findet er in manchmal naiver, an Volkskunst erinnernder, manchmal bedrohlich psychedelischer Bildsprache einen touristischen Blick.

Das Bild „Glacial Aesthetics“ etwa wirkt wie eine riesige Postkarte aus einem Wintersportgebiet: Im Vordergrund schaut ein Skifahrer auf das Tal, die Seile der Lifts durchschneiden das Bild, in der Ferne lädt eine belebte Piste ein. Die Idylle „Untitled (Pastoral Scene)“ hingegen präsentiert ein weniger fremdenverkehrstaugliches als subkulturelles Motiv: Vor einem Brandenburger Schloss – De Balincourt verbrachte den vergangenen Sommer in Berlin – lagern junge Menschen, andere tanzen in den Räumen. Solche Szenen wirken seltsam absurd und komisch. Das liegt einerseits an der mit Schablonen und Klebeband hergestellten strengen, flächigen Geometrie. Andererseits täuscht die Auspinselung kleinster Details Realismus vor, bleibt aber in der Ausführung nur mäßig raffiniert. Das Ergebnis wirkt so, als schaue man von ganz weit draußen auf das Geschehen.

Es scheint ein distanziertes, beinah wissenschaftliches Interesse zu sein, das den 33-Jährigen leitet. Darauf deutet auch seine Faszination für Landkarten: Mal malt er eine Gruppe von Wanderern vor einem Lageplan, mal ein Gesicht, auf dem eine ominöse Karte eingezeichnet ist, mal kartographiert er sich in abstrakte Höhen, indem er Punkte durch Linien verbindet, die Beziehungen andeuten. Als eine Reminiszenz an die berühmte USA-Karte von Jasper Johns entwirft De Balincourt mit „California Precontact“ eine Kalifornien-Landkarte – und teilt den Staat in Indianergebiete auf, die heute nicht mehr existieren.

Arbeiten wie diese bleiben in ihrer politischen Aussage etwas plakativ. Auf anderen Bildern gelingt es De Balincourt weder eine Position zu finden noch ein Geheimnis zu erwecken: Sie wirken einfach nur diffus zugerümpelt. Gelungen hingegen sind seine Freizeitlandschaften und Stadt-Utopien, die auf unheimliche Weise zu implodieren scheinen. Da ist dieses Partyschiff, das an nächtlicher Skyline vorüberfährt: Während auf dem Unterdeck gefeiert wird, protestieren die Passagiere an Deck und schwenken Transparente. Ein beeindruckendes Diptychon zeigt eine riesige Bühne, vor der das Publikum kauert. Aus den riesigen Lautsprechern dringt statt Musik ein knallbunter Regenbogen. Party oder Apokalypse, Politik und Spaß? Bei Jules De Balincourt liegen die Realitäten bedrohlich nah beieinander, kehrt sich Idylle in ihr Gegenteil, liegen unter dem Strand die Pflastersteine.

Arndt & Partner, Zimmerstraße 90-91, bis 26. Februar; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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