Kultur : Der Fremde

Für immer heimatlos: Freddy Quinn wird 80

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Foto: dapd
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Dieser Mann gehört längst zu den Nationaldenkmälern – ein Rätsel geblieben ist er trotzdem. Kein anderer Sänger hat in Deutschland mehr Platten verkauft als Freddy Quinn. Mit zehn Liedern eroberte er die Spitze der Hitparade – von „Heimweh“ 1956 über „Junge, komm bald wieder“ bis „Hundert Mann und ein Befehl“ 1966 – und rangiert damit in der ewigen Rangliste auf Platz 2, hinter den Beatles und vor Abba, Boney M. und Peter Alexander. Trotzdem wissen die Deutschen wenig über den Star, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, und was sie zu wissen glauben, ist oft bloß ein Gerücht. Einen „Fremden, umflort von der Legende des Einsamen, Weitgereisten, Heimatlosen“ beschreibt Elmar Kraushaar in seiner gerade erschienenen Biografie („Freddy Quinn. Ein unwahrscheinliches Leben“, Atrium Verlag, Zürich 2011, 363 S., 19,90 €). Quinn hat den Autor, den er aus mehreren Gesprächen kannte, am Telefon beschimpft: „Ich will nicht, dass Sie über mich schreiben! Sie wollen doch nur Lügen über mich verbreiten wie die anderen Journalisten auch!“

Dabei war der Sänger an der Verbreitung der meisten Halb- und Unwahrheiten, die über ihn kursieren, aktiv beteiligt. Fest steht, dass Manfred Quinn 1931 in Österreich als Sohn einer Journalistin geboren wurde und in Wien aufwuchs. Sein Vater, behauptete er, sei ein Kaufmann aus Italien gewesen, später versicherte er: aus Irland und berichtete von abenteuerlichen Fluchtversuchen nach Amerika, wohin der Vater umgezogen sei. Zurück (?) in Österreich schließt Freddy sich einem Zirkus an, trampt nach Algerien, hält sich mit zur Wandergitarre gesungenen Seemannsliedern über Wasser und landet schließlich in Hamburg.

In der „Washington Bar“, einer Matrosenkneipe in St. Pauli, steigt der spillerige Junge mit der festen Baritonstimme zum Kiezidol auf. Der Fernsehregisseur Jürgen Roland vermittelt ihn an die Plattenfirma Polydor. Gleich die erste Aufnahme „Heimweh“ beschwört den Abschiedsschmerz eines Weltenbummlers: „So schön, schön war die Zeit / Hört mich an, ihr goldenen Sterne, / Grüßt die Liebe in der Ferne.“ Quinn war nie zur See gefahren, aber mit den Shantys, die Produzent Lotar Olias für ihn komponiert, weiß er die Sehnsucht der Wirtschaftswunderdeutschen perfekt zu bedienen. Die Erfolgsserie reißt erst, als der Sänger 1968 der APO-Generation das Anti-Protestlied „Wir“ entgegenschmettert: „Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden - wir!“ Der Zeitgeist hat ihn überholt, es beginnt eine lange Tour über die Nostalgiebühnen. Nach dem Tod seiner Lebensgefährtin und Managerin zieht sich Quinn 2008 aus der Öffentlichkeit zurück. Heute soll er in Hamburg leben. Alle Interviews und Auftritte zu seinem Geburtstag hat er abgelehnt. Christian Schröder

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