Kultur : Der Fremde

Andreas Schäfers neuer Roman „Gesichter“.

Foto: Mirella Weingarten
Foto: Mirella Weingarten

Prosopagnosie, so lautet die aus dem Altgriechischen stammende Bezeichnung für ein Krankheitsbild, das oft auf einem Hirnschaden beruht. Der Betroffene ist unfähig, Gesichter zu erkennen. Gabor Lorenz, der Held von Andreas Schäfers Roman „Gesichter“, hat sich auf diesen Makel spezialisiert. Er leitet eine Forschungsgruppe zur Gesichtsblindheit an einer Berliner Klinik, das Berufungsverfahren für den Aufstieg an die Spitze der Abteilung läuft. Doch nach einem Familienurlaub auf einer griechischen Insel sieht Lorenz, wie sich ein Flüchtling auf seine Fähre schleicht. Während der Überfahrt steckt er dem schwarzen Passagier eine Tüte mit Lebensmitteln zu. Erst später bemerkt er, dass sich in der Tüte auch seine Adresse befunden hatte. Bei der Ankunft wird der Fremde verhaftet. Danach wird Gabor die Erinnerung an das Gesicht des Mannes nicht mehr los, auch nicht den „hasserfüllten Blick“, mit dem er ihn durchbohrte.

„Gesichter“ (Dumont, Köln 2013, 253 S., 19,99 €) ist der dritte Roman von Andreas Schäfer, der als Tagesspiegel-Mitarbeiter Kritiken und Feuilletons schreibt. Er handelt von einer diffusen, sich zuspitzenden Bedrohung und einer Angst, die zur Paranoia wird. Denn bei dem Arzt treffen Postkarten ein, mit denen ein unbekannter Absender mitteilt, dass er sich Berlin nähert. Gabor Lorenz ist mit einer Kunsthistorikerin verheiratet, hat zwei Kinder, lebt in einem Haus aus der Bauhausära in Zehlendorf und besitzt ein Feriendomizil in Griechenland. Der coole, überaus kultivierte Aufsteiger hat die rauchigen Klagelaute von Miles Davis’ „Kind of Blue“ als Klingelsignal für sein Mobiltelefon gewählt. Nun glaubt er, alles zu verlieren.

Am Strand der Urlaubsinsel wird die Leiche eines Flüchtlings angespült. Aber die Post bringt weitere Karten. Die Atmosphäre, in der sich Furcht und Schuld mischen, erinnert an die Thriller von Eric Ambler. Das eigentliche Problem des Neurologen: Er leidet an einer Art Seelenblindheit. „Seine Zurückgezogenheit, sein Alleinsein“ haben ihn nie verlassen. Unfähig, seine Ängste zu artikulieren, wartet er auf den Showdown. Tsp

Buchpremiere mit Lesung von

Andreas Schäfer am Dienstag, 27. August, im Literaturhaus, Fasanenstraße 23

(20 Uhr). Moderation: Maike Albath.

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