Kultur : Der freundliche Diktator

Ganz normal verrückt: Marc Meyer dreht in Hellersdorf die absurde Komödie „Eine etwas andere Familie“

Sebastian Handke

„Guten Morgen! Das Frühstück ist fertig!“ Eine geräumige Plattenbauwohnung im 17. Stock mit Blick auf Berlin und Strandtapete an der Wand. Helle Sonnenstrahlen fallen durchs Fenster. Aus der Küche klingt und klappert es in voller Betriebsamkeit, in der Pfanne brutzeln die Pfannkuchen. Papa macht Frühstück – Eier, gekocht, und Schinken, gebraten. Kaffee und Tee dampfen auf dem Tisch. Der Hund schnaubt in seiner Ecke, Oma und Mutti schälen sich aus ihren Betten.

Aber hier stimmt etwas nicht. In der Küche stapeln sich Kühlschränke, mindestens zwanzig. Im Gang: Regale voller Konserven. Die Tür ist verschlossen, der Aufzug zerstört, das Treppenhaus vermauert. „Wer sind Sie?“, fragt Oma, als sie auf Mutti trifft. Darauf Mutti: „Ich frage mich eher: Wo bin ich?“

Die Mitglieder dieser Familie sind verunsichert. Es ist nämlich heute ihr erster Tag. Als Familie. Sie wurden zusammen geklaut. Von Oliver (39). Oliver ist einsam und bewaffnet, und er dachte sich, er nimmt sich jetzt, was er braucht. Mutter Sofia (35) ist die Frau seines Chefs. Oma Edna (62) ist aus dem Altersheim, das Baby aus der Babyklappe. Sohnemann Ennio (9) wurde nachts vom Spielplatz aufgelesen. Tochter Maya (16), die kleine Punk-Prinzessin, kam freiwillig mit, als Oliver mit einem Teppich an ihr vorbeilief. Sie dachte, es handele sich um eine Hausbesetzung. Damit lag sie nicht falsch: In diesem Plattenbau wohnt schon lange keiner mehr. Bis auf den Alten („Mein Name ist Horst, und ich scheiße auf den Rechtsstaat“). Noch ahnt er nichts, aber bald wird er Opa sein.

Es ist eine ziemlich ungewöhnliche Geschichte, die sich Marc Meyer, Regisseur und ausgebildeter Politologe, für sein Spielfilmdebüt ausgedacht hat. Wo holt man sich die Inspiration für so etwas? Am Helmholtzplatz, Prenzlauer Berg, einem der kinderreichsten Flecken dieses Landes. „Ich saß da und schrieb in meinem Hinterhauszimmer“, erinnert sich Meyer, „und überall sind Kinder, Kinder, Kinder. Denen geht’s gut, dachte ich, die haben jemand. Ich aber sitze allein vor einem weißen Blatt Papier und weiß nicht weiter.“ Da dachte sich Meyer, richtig wär’s, man nimmt sich, was man braucht – eine junge Mutter, zwei Kinder, ein Hund gehört auch dazu. „Die sind bestimmt auch nicht glücklich, wie die hier so rumlaufen.“ Kurz vor Drehbeginn gelang Natascha Kampusch die Flucht. Plötzlich war Olivers Konzept gar nicht mehr weit hergeholt.

In Berlin muss man allerdings keine Kellerverliese einrichten. Hier stehen genug leere Häuser herum. Um Olivers Einsamkeit auf die Spitze zu treiben, sollte er als letzter Mieter in einem alten Plattenbau wohnen. „Wir sind im Osten herumgefahren, und kaum waren wir die Landsberger Allee zwei Kilometer draußen, stand da eine leere Platte. Eine Frau kam heraus und sagte, dass noch etwa fünf bis sechs Leute darin wohnen. Da fiel mir erst auf, wie realistisch meine Idee war: Man kann tatsächlich einfach in einen Plattenbau einziehen, so wie man 1990 Altbauten im Prenzlauer Berg besetzte.“

Marc Meyer, der für sein Beziehungsdrama „Sonntag, im August“ den Dresdner Kurzfilmpreis erhielt, und sein Produzent Faysal Omer konnten 350 000 Euro Filmförderung einstreichen. Das ist nicht viel für einen Spielfilm, aber auch nicht wenig, wenn es der allererste ist. Mit ihrem Drehbuch konnten sie schon einige überzeugen. Die Darsteller zum Beispiel. Samuel Finzi, Star der Berliner Volksbühne, gibt den Oliver. Nina Kronjäger („Elementarteilchen“) spielt die Mutter, Anna-Maria Mühe („Was nützt die Liebe in Gedanken“), Tochter von Ulrich Mühe und der jüngst verstorbenen Jenny Gröllmann, die Punk-Prinzessin.

Bei diesem knappen Budget tut jeder ein bisschen mehr als sonst. Und es muss improvisiert werden: Ein Filmstudio kostet 3000 Euro am Tag, und genauso viel hatte Faysal Omer übrig – für drei Monate. Jetzt dreht man in einer riesigen Industriehalle. In der ReadyMix-Fabrik in der Gehrenseestraße, Hellersdorf, wurden früher Bauteile gegossen – für Plattenbauten. Ein Zufallsfund. Die Firma „Intech“ überließ die Halle für 1000 Euro monatlich. Darin wurde dann ein 400 Quadratmeter großer Nachbau eines Plattenbausystems errichtet – mit Originalgrundriss und Blumentapeten, nur ein bisschen größer, damit Kamera und Licht sich bewegen können. Die Decken mussten mit Filz abgehängt werden. Jetzt sieht es darin aus wie auf einem Basar.

Es ist Drehpause. Auf dem Stockwerk, wo sich die alten Waschräume befanden, wurde hastig eine Kantine zusammengezimmert. Crewmitglieder nehmen schweigend ihre Mahlzeit ein, Gemüseragout mit Spätzle. Es ist das Schweigen erschöpfter Menschen. Einer liegt im Set, in Olivers Bibliothek, und schläft tief. Da kommt Samuel Finzi in die Kantine. Leichtfüßig tänzelt er um die Tische, plaudert hier und dort – der Mann hat Spaß bei der Arbeit, ein Darsteller durch und durch. Finzi trägt einen schwarzen Anzug von H & M, weißes Hemd, graue Krawatte – und grüne Sportschuhe. Nicht unbedingt das Outfit eines Entführers am unteren Ende der sozialen Skala. „Aber ja, das ist seine Kluft“, sagt Finzi. „Er hat schließlich mal gearbeitet, als Telefonberater für Sozialversicherungen.“ Normalerweise trägt Oliver einen grünen Hausanzug und Birkenstock-Sandalen. Alle männlichen Familienmitglieder tun das. Die Frauen tragen dasselbe in Orange. Sträflingskluft? „Gemütliche Hauskleidung gehört zu seiner Vorstellung von Glück“, sagt Finzi. „Und um Glück geht es. Die Entführung ist für ihn nur ein Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.“ Muss man da nicht zwangsläufig an Nataschas Entführer denken? „Überhaupt nicht!“, sagt Finzi nachdrücklich. Dann fährt er fort: „Ich habe mich ein bisschen bestätigt gefühlt. Aber Oliver ist nicht krank, er ist gebildet. Er will seine Leute nicht verletzen, er will sie lieben. Vor allem: Oliver berauscht sich nicht an seiner Macht.“ Seine Regel: Ihr könnt machen, was ihr wollt; ihr könnt nur nicht weg. „Eine freundliche Diktatur!“

„Eine etwas andere Familie“, so der Arbeitstitel, sprüht vor dunklem Dialogwitz. Ein heiterer Film wird er allerdings nicht. „Es ist eine Komödie mit sehr tragischem Ton, die ins Fantastische übergeht“, resümiert der Regisseur. „Diese Menschen bauen sich eine eigene Welt. Oliver wird scheitern, aber irgendwie auch nicht. Denn er begreift: Leben ist, wenn’s nicht klappt, und man trotzdem einen Ausweg findet.“

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