Kultur : Der Friedensstifter

Splatterdandy erklärt uns zu Terroristen und begründet das mit Hegel. Ist er übergeschnappt?

Johannes Völz

Auf Viva und MTV wird man diesen Clip vermutlich nie sehen: Der Himmel ist rot eingefärbt, nur ganz hinten ragen zwei schwarze Säulen auf. Es ist die Silhouette des brennenden World Trade Centers. Darüber ist ein zweiter Film gelegt, in flächigem Gelb: Man sieht Marilyn Monroe tanzen, ekstatisch, den Mund weit aufgerissen. Als sie ihren Kopf nach vorne wirft, sehen ihre gelben Locken plötzlich wie Flammen aus – als sei Marilyn der Brandherd des 11. September. Am unteren Bildrand wird ein Spendenaufruf für „Amnesty International“ eingeblendet.

Als wären die Bilder nicht schon verwirrend genug, sorgt die Musik des Clips erst recht für Ratlosigkeit. Über einen spartanischen Zweiton-Bass nölt eine Männerstimme Zeilen wie „Napalmzigaretten Buddy Buddy 9/11 / Geknebelt und gefesselt von den Sado-Politessen“. „Disco 9/11“ heißt der merkwürdige Song, geschrieben und gesungen von einem noch viel merkwürdigeren Mann, der sich Splatterdandy nennt, eigentlich aber Robert Defcon heißt, wobei auch das nur ein Pseudonym ist, denn sein richtiger Name ist Tim Nowacki. Er ist auch gleich mehrere Künstler in einer Person: Sänger, Texter, politischer Performance- und Konzeptkünstler.

Sein Album „Terrorista!“ – 13 Stücke irgendwo zwischen Elektroclash und Hip Hop – hat er just am dritten Jahrestag des 11. September veröffentlicht (Pop Up Records). Damit man auch versteht, dass es um Großes geht, ziert das Albumcover eine stilisierte Hakenkreuz-Flagge, stilisiert, weil dem Kreuz die Haken fehlen. Halb verdeckt lugt darunter in winzigen Buchstaben eine Beschimpfung hervor, die sich, ja, an wen eigentlich, wendet: „Ihr positionslosen Hyperironiker, ihr Pop-Hitlers, ihr Allesversteher, ihr Spiegel-Leser, ihr tabulosen Tabuverwalter.“ Man ahnt es schon: Splatterdandy beschimpft Splatterdandy. Und in einem Gedankenschritt, den er sich bei Allen Ginsberg abgeschaut haben könnte oder Peter Handke, strebt seine Beschimpfung ihrem Höhepunkt zu, als sich in Splatterdandy unsere ganze verrufene Gesellschaft wiederfinden soll: „Ihr Terroristen. Ihr seid wie ich. Ihr habt es allen gezeigt.“

Gesellschaftskritik oder Verschwörungstheorie? So genau kann man das nicht sagen. Vielleicht ist da jemand auch nur ganz gehörig übergeschnappt. Kurz vor dem Treffen will Defcon einen anderen Ort vereinbaren. Statt im Café im Prenzlauer Berg möchte er sich nun in der Chausseestraße 126 in Mitte treffen. Er sagt nicht dazu, dass sich dort ein Friedhof befindet, genauer: der Dorotheenstädtische Friedhof, auch als Prominenten-Friedhof bekannt. Er trägt einen babyblauen Jogginganzug, dazu eine überdimensionierte Sonnenbrille. Von seinem Gesicht sieht man wenig. Was die Brille nicht verdeckt, verschwindet unter einer Kapuze. Mit seinen billigen Goldringen am Finger sieht er ein wenig aus wie ein Rapper aus den Achtzigern. Wie ein zu Geld gekommener Kleinkrimineller. Nimmt er die Brille ab, kann man ihm nicht in die Augen sehen. Er weicht jedem längeren Blick aus. Neben ihm steht Max Dax, Splatterdandy-Miterfinder und Herausgeber des Interview-Magazins „alert“. Im schwarzen Nadelstreifenanzug und in Cowboystiefeln sieht er aus wie das mafiose Gegenstück zu Defcon.

„Ich hatte eigentlich noch einen Termin in der Psychiatrie, aber den musste ich jetzt absagen“, eröffnet Defcon das Gespräch. Das klingt reichlich morbide. Im nächsten Satz entpuppt er sich dann als Bildungsbürger: „Auf diesem Friedhof lässt sich das Bezugssystem von Splatterdandy gut veranschaulichen“, sagt der 33-Jährige leise, „besonders mit Brecht, Heiner Müller und Hegel.“ Defcon, der an der Freien Universität Philosophie und Politik studiert hat, meint das ganz ernst. Seine Texte mögen vulgär, infantil und plump sein. Doch hinter einem Song wie „Ego-Shooter“, der auf die Verbindung von Sex und Gewalt in den Medien anspielt und in dem es heißt: „Killer, Killer, baby bumsen, baby Sekt im Schuh“, steckt ein theoretischer Überbau von exorbitantem Ausmaß. Er selbst erklärt sein Anliegen so: „Bei Splatterdandy werden politische Paradoxien aufgezeigt, es werden konträre Positionen eingenommen, an deren Ende man nicht weiß, welche politische Aussage daraus entsteht. Außer der, dass es nicht das absolute Subjekt gibt, das einem erlaubt, Negationen zusammenzufassen und dann zu einer endgültigen Aussage zu kommen.“ Mal wendet sich Splatterdandy gegen den Reformstau in Deutschland, mal gegen die Reform. Mal ist die ganze Gesellschaft faschistisch, mal scheint es faschistisch, andere faschistisch zu nennen. Am Ende weiß man nicht nur nicht, welche politische Aussage entstanden ist. Man weiß nicht mal, was das alles überhaupt soll.

Wie Nostalgiker klingen Defcon und Dax zuweilen, die einer Zeit nachtrauern, in der politische Appelle für linke Popintellektuelle noch nicht desavouiert waren und die Wahrheit in der „Spex“ stand. Dax spricht davon, wie schmerzhaft der Zynismus der heutigen Welt sei. Dass man den Spendenaufruf für Amnesty International im Videoclip zu „Disco 9/11“ für einen Scherz hält, scheint ihm gar das Herz zu brechen. „Als ich die fertige Version des Clips gesehen habe, sind mir fast die Tränen gekommen. Weil das ein so ehrliches, nicht um die Ecke gedachtes Statement ist.“

Man kann sie eigentlich nur missverstehen. Eine schöne Gelegenheit, Erklärungen aufeinander zu türmen. Nächstes Jahr soll ein Roman erscheinen, in dem Splatterdandy die Medienreaktionen auf sein Album verarbeiten will. Stoff genug gibt es: „Spiegel“, ARD und „Süddeutsche Zeitung“ schreiben kräftig mit.

Zuletzt wollte Splatterdandy Frieden stiften. Er mischte sich – um „Deeskalation“ bemüht (Defcon) – in die Grabenkämpfe zwischen den Berliner Prollrappern Sido und Azad ein. Nun schreiben seine Fans Internet-Kommentare wie: „Der größte King Splatterdandy pisst Azad und Sido ins geschrumpfte Hirn.“ Sehr friedfertig klingt das nicht.

Heute in Berlin, Maria am Ufer, 23 Uhr.

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