Kultur : Der Fürsten-Flüsterer

Volker Reinhardts Biografie von Niccolò Machiavelli ist ein Referenzwerk.

Nicolas Stockhammer

Sein Name ist zum Synonym für kaltschnäuzige Machtausübung und die Entfesselung der Politik von den Banden der Moral geworden. Ihm eilt der Ruf eines Protagonisten von Lug und Betrug, eines gesinnungslosen Pragmatikers der Staatsführung voraus. Er gilt den einen als Vorläufer moderner Spin-Doktoren, als jemand, der sein Arkanwissen als Einflüsterer der Machthaber in den Dienst der Staatsräson gestellt hat, den anderen als unverbesserlicher Pessimist. Ein misanthropischer Verfechter unkonventioneller, mitunter beinharter Methoden, um den Zwecken der Politik gerecht zu werden. Die Rede ist von Niccolò Machiavelli.

Der profilierte Renaissancehistoriker Volker Reinhardt hat dem berüchtigten Florentiner nun eine kenntnisreiche Biografie gewidmet, dem Buchdeckel zufolge „die erste seit Jahrzehnten“. Hier dürften Verleger und Autor alleine die in der letzten Dekade vor allem im englischsprachigen Raum publizierten, exzellenten Lebensbeschreibungen Machiavellis entgangen sein (Maurizio Viroli, Ross King), die bereits in deutscher Übersetzung vorliegen oder bald vorliegen dürften (Miles Unger). Dies tut dem Umstand keinen Abbruch, dass Reinhardt eine historisch akkurate, hervorragend recherchierte Arbeit vorgelegt hat, die sicherlich das Zeug zum biografischen Referenzwerk hat. Er lässt Machiavelli aus persönlichen Aufzeichnungen und Briefen sprechen, was ein hohes Maß an Lebendigkeit und Authentizität erzeugt. Anhand der von Machiavelli selbst vorgegebenen Achse „historisch, komisch und tragisch“ entfaltet der Biograf ein buntes Panoptikum der Sattelzeit Renaissance und bettet den florentinischen Skeptiker als Kind seiner Lebensepoche darin ein. Die Lebensumstände machen Machiavelli zum Getriebenen zwischen politischer Praxis und großer Theorie.

Man lernt sukzessive den bitterbösen Zyniker und demoralisierten Sarkasten kennen, ebenso wie den lebenslustigen, hoffnungslosen Idealisten, der die Rettung Florenz’ durch einen virtuosen Fürsten vom Schlage eines hemdsärmeligen Cesare Borgia herbeisehnt. Der ideale Staatslenker ist jemand, der Fortuna Paroli bieten kann und nicht gleich beim geringsten Widerstand vom Rad der Geschichte überrollt wird. Reinhardt verortet Machiavelli ganz richtig als abgeklärten Krisendenker, der Strategien entworfen hat, dem maroden florentinischen Staatswesen wieder Leben einzuhauchen.

Unmittelbare politische Erfahrungen konnte dieser im Rahmen diverser diplomatischer Gesandtschaften und höherer Verwaltungsfunktionen sammeln. So brachte er es immerhin zum angesehenen Sekretär der zweiten Staatskanzlei der Republik Florenz. Dort, so Reinhardt, erwies sich Machiavelli als „Kritiker der verfilzten Republik“, „religiöser Skeptiker“ und „Aufdecker politischer Machenschaften, die sich unter himmlischen Botschaften verbargen“. Als Pragmatiker im politischen Betrieb seiner Mutterstadt hat der scharfsinnige Florentiner erkannt, welcher funktionaler Prämissen es bedarf, um erfolgreiche Politik zu verwirklichen. Sein in der Verbannung auf dem Landgut San Casciano entstandenes Meisterwerk „Der Fürst“ ist das provokante Destillat dieser Erkenntnisse. Nicht anders als damals bemisst sich heute politischer Erfolg ausschließlich an der Durchsetzung von Interessen. Zuvor müssen oft unliebsame Entscheidungen getroffen werden. Ein Grundübel der politischen Krise liegt in der eklatanten Entscheidungsschwäche und notorischen Zögerlichkeit ihrer Akteure. Hier offenbart sich Machiavelli als radikaler Dezisionist. Ein Propagandist der Tat, der für die Schaffung von Handlungsspielräumen für die Entscheidungsträger plädiert. Autonome Entscheidungen und deren Umsetzung stehen über allem. Der machiavellische Fürst muss vordergründig Entschlossenheit und Tatkraft verkörpern.

Es bleibt zu spekulieren, ob dies gerade jene Qualitäten sind, die gegenwärtig im Verlauf der europäischen Währungskrise den maßgeblichen politischen Akteuren abzuverlangen gewesen wären. Machiavelli hätte das Gespann „Merkozy“ jedenfalls ob dessen abwartend-zurückhaltender Stabilisierungspolitik kritisiert. Für die WikiLeaks-„Verräter“ hätte er drakonische Strafen gefordert und den US- Truppen hätte er als vehementer Gegner des Söldnerwesens davon abgeraten, private Sicherheitsfirmen für die Sache der Heimat in fremden Ländern kämpfen zu lassen. Barack Obama hätte er zur gezielten Liquidierung bin Ladens gratuliert, da existenzielle Feinde vernichtet werden müssen. So hat es der Papstsohn Borgia auch immer wieder getan. Anonyme Drohnenangriffe hätte Machiavelli emotionslos als ressourcenschonende militärische Intervention befürwortet und elementare Naturkatastrophen wie Fukushima wahrscheinlich als Rache der Fortuna abgetan.

Überhaupt ist Machiavellis Werk für die moderne Politik ein Fundus an wertvollen Denkansätzen und Ratschlägen, was bei Reinhardts an Gegenwartsbezügen armer, biografischer Rückschau ein wenig zu kurz kommt. Die Projektion des Zeitgenossen Machiavelli aus dem historischen Umfeld heraus ist dem Autor indes vortrefflich gelungen. Die Gelegenheit, Machiavelli ins 21. Jahrhundert zu transferieren, hat Volker Reinhardt nicht wahrgenommen. Nicolas Stockhammer

Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2012. 400 Seiten, 24,95 Euro.

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